Versprechen des Verlobten Tages von Pfarrer Münch (rötlich hervorgehoben), siehe im Text links

Die letzte Bemerkung stammt von Gerhard Lamberti, der von 1727 bis 1773 Pfarrer in Flörsheim war. Sie lautet:
Summum Sacrum est gratiarum actorium de Sanctissima Trinitate. Evangelium legitur de decem viris leprosis ut in Dominica 13 post Pentecoste

(Als höchstes Sakrament wird das Dankfest zur Heiligen Dreifaltigkeit begangen. Das Evangelium von den zehn aussätzigen Männern wird gelesen wie am 13. Sonntag nach Pfingsten).

Im Jahr 1934 schuf Georg Habicht das Spiel vom Verlobten Tag als ein “Weihespiel” mit einem Vorspiel und vier Akten. Georg Habicht stammte aus Graudenz a. d. Weichsel und wirkte in Flörsheim als Lehrer, Politiker und Künstler. Im Vorwort zu diesem Stück schreibt er:

“Nicht hohe tragische Dichtung mit streng dramatischer Konfliktlösung war aus dem vorhandenen sehr dürftigen Quellenstoff zu formen, sondern nur ein volkstümliches, historisches Schauspiel, ein Spiegel der Pestzeit von 1666, ein Zeitgemälde. Von vornherein abgestellt auf die Aufführbarkeit durch Laien, soll das Stück ein Festspiel sein für eine in Tradition und Dankbarkeit gebundene Gemeinde und Gemeinschaft, zu Lob und Ehre Gottes, zur Erbauung der Zuhörer und zur Verherrlichung des Verlobten Tages”.

Das Stück spielt im Flörsheim der zweiten Hälfte des Jahres 1666, als die Pest etwa 150 Todesopfer unter den Flörsheimern forderte ( zu den Pesttoten siehe hier). Es charakterisiert in eindrucksvollen Szenen und Dialogen das (nicht) alltägliche Leben der Flörsheimer in dieser schwierigen Zeit verbunden mit den sich daraus ergebenden Konflikten einerseits, aber auch den starken Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung der damaligen Einwohnerschaft, nachdem die ursprüngliche Skepsis der Bürger gegen alle Maßnahmen der Obrigkeit, die Pest einzudämmen, der Einsicht in deren Notwendigkeit gewichen war.

Im Mittelpunkt der handelnden Personen steht der Pfarrer Laurentius Münch, der in dieser Zeit Großes geleistet hat. Dargestellt wird insbesondere auch ein anfänglicher Konflikt zwischen dem Pfarrer und dem Schultheißen Peter Hart, die beide sehr unterschiedliche Auffassungen haben, wie in einer solchen Notsituation zu handeln sei, bis hin zur Klage des Schultheißen gegen den Pfarrer wegen Inkompetenz. Dabei ist dem Pfarrer die Rolle des mit beiden Beinen auf dem Boden stehenden Realisten zugedacht, während der Schultheiß auf kirchliche Rituale und Prozessionen setzt.  Ein solcher Konflikt ist allerdings nicht überliefert.
Der historisch verbürgte heftige Konflikt zwischen dem Schulmeister Philipp Eberwein, der als Person nicht vorkommt, und dem Pfarrer im Oktober 1666 wird, wohl aus dramaturgischen Gründen, in einen Konflikt zwischen dem Schultheißen und dem Pfarrer transponiert.

Das Spiel vom Verlobten Tag beschreibt die Verhältnisse in Flörsheim 1666 weitgehend historisch korrekt, sicher auch durch die Beratung von Ph. Schneider. Als erste Pesttote werden richtigerweise die vier Kinder des Schneiders Hans Peter Schuhmacher genannt, dessen Haus im dritten Viertel an der Unterpforte gelegen haben soll. Heute wissen wir, es war der Hof Nr. 35 in der Nähe der Unterpforte, siehe Plan A.
Die örtliche Umgebung der Akte (an der großen Mainpforte, die große Ratsstube im Rathaus, der Hof des Pfarrhauses)) wird weitgehend realistisch beschrieben, und ein großer Teil der handelnden Personen, insbesondere die Amtsträger des Mainzer Domkapitels und die Flörsheimer Amtsträger wie Schultheiß Peter Hart und Gerichtschreiber Johannes Neumann sind historisch belegt.
Wie in der Besetzung des Stückes waren 1666 Johann Paul Widdermann Oberschultheiß; Sebastian Eberwein, Caspar Mohr und Philipp Ruppert waren 1666 Gerichtsschöffen; Caspar Schugmann und Martin Bohr(n) waren Kirchenmeister und Christian Löw war einer der Schröter.
Die erwähnte Gemeindekegelbahn gab es in der Tat. Die Klage des Liebfrauenstifts wegen ausbleibendem Zehnten hat eine historische Grundlage, ebenso der vom Domkapitel wegen der Pest stark eingeschränkte Zugang zu Mainz und zu den Flecken des Erzstiftes wie auch die Bezüge zum noch nicht lange zurück liegenden 30-jährigen Krieg und die Feldzüge des französischen Marschalls Turenne in Holland in dieser Zeit.

Mit der heutigen historischen Kenntnis der Verhältnisse im Flörsheim in der Mitte des 17. Jhdts. kann man Folgendes anmerken: Es gab 1666 keine Berufsfischer, es gab keine Fischerzunft; Flörsheim hatte keine Fischereirechte auf dem Main, siehe hier. Gastwirtschaften mit Schild wie “Engel”, “Stern” oder “Löwe” gab es noch nicht, die erste Schildwirtschaft Flörsheims wurde 1670 eröffnet, siehe hier. Bezeichnungen für Gassen (erwähnt werden Fischergasse, Schustergasse und Walbergasse) kamen erst später auf. Die ersten Gassennamen in Flörsheim waren Kirchgasse (1682) und Borngasse (1684).

Das Ziel von Georg Habicht war, ein Festspiel zu schaffen, das, wie er selbst sinngemäß schreibt, ein Zeitgemälde zur Erbauung der Zuschauer und der Würdigung des Verlobten Tages sein soll. Dieses Ziel hat er sicher erreicht. Man kann das Werk als Flörsheimer Kulturgut bezeichnen. 

Das Spiel vom Verlobten Tag wurde zum ersten Mal 1934 aufgeführt. Georg Habicht hatte die Spielleitung und zeichnete für die Bühnenbilder verantwortlich. Textbücher des Stückes und ein Flyer für diese Aufführung sind erhalten (rechts).

Zur 300. Wiederkehr des Verlobten Tages 1966 wurde das Spiel wieder aufgeführt. Bei den Vorbereitungen hierzu gab es Schwierigkeiten, die notwendige Anzahl von Laienschauspielern und Helfern zusammen zu bringen. Deshalb kürzte der Sohn von Georg Habicht, Hubert Habicht, das Stück auf Bitten des damals für die Aufführung des Spiel verantwortlichen Stadtrates Gerhard Thomas, so dass die gekürzte Fassung mit 25 Schauspielern und etwa 10 Helfern auskam, und das Spiel am 16., 18. und 20. November 1966 mit großem Erfolg aufgeführt werden konnte; Bilder dieser Aufführungen unten.

2016 jährte sich der Flörsheimer Verlobte Tag zum 350. Mal. Er hat seinen Ursprung in einem Versprechen der Flörsheimer Gemeinde vom 28. Juli 1666 zu Ehren der Heiligen Sebastian und Rochus, alljährlich einen Feiertag mit einer Prozession zu begehen, um durch deren Fürbitten ein Ende der Pestepidemie, die seit Juni 1666 in Flörsheim grassierte, herbei zu führen.

Seit 1666 wurde der Verlobte Tag in Flörsheim am 28. Juli mit einer Prozession und Feierlichkeiten begangen. 1815 wurden unter der protestantischen Nassauischer Herrschaft (1803-1866) die meisten katholischen Feiertage und Prozessionen verboten, so auch der Verlobte Tag. Im preußisch-österreichischen Krieg war es 1866 nicht möglich, den 28. Juli beizubehalten, und man verlegte den Verlobten Tag  auf den letzten Montag im August. Im Dritten Reich war der Verlobte Tag nicht verboten, man versuchte aber, ihn auf einen Sonntag zu verlegen (kein Werktag). Seit 1945 wird der Verlobte Tag wieder am letzten Montag im August begangen.
Bilder des Flörsheimer Fotografen Paul Flesch von Prozessionen am Verlobten Tag kann man hier finden.

Das obengenannte Versprechen wurde vom damaligen Pfarrer Johann Laurentius Münch am Ende von Kirchenbuch I formuliert (rechts). Laurentius Münch war Kanonikus (Stiftsherr) des in Flörsheim zehntberechtigten Liebfrauenstifts in Mainz. Die Flörsheimer Pfarrei und Kirche waren seit 1184 Bestandteil dieses Stiftes, das seit dieser Zeit die Flörsheimer Pfarrer stellte. Laurentius Münch war von 1665 bis 1674 Pfarrer in Flörsheim  [Schichtel 1967].

Der Text des Versprechens lautet:
Anno 1666 Vigesima octava July a Communitate huius Castelli dies devota promißa ob ingravescentem pestem in honorem Sti Sebastiani et Rochi quatenus haec dies semper totiusque durantis temporis...tamquam sanctus festivus Celebraturus proceßionem uti festo Corporis Christi... habendus Cum incenso Cerio quem communitas pro libitu annuatim Ecclesiae Communicabit.
(Anno 1666, den 28. Juli, wurde von der Gemeinde dieses Fleckens ein gewidmeter Tag versprochen anlässlich der schlimmer werdenden Pest, zu Ehren der Heiligen Sebastian und Rochus soll dieser Tag immer und solange die Zeit währt heilig und festlich gefeiert werden. Eine Prozession wie an Fronleichnam soll stattfinden. Wunschgemäß wird die Gemeinde alljährlich ihre Verbundenheit mit der Kirche mit einer brennenden Kerze ausdrücken). 

Dieser Text  von Pfarrer Münch von 1666 ist im hinteren Bereich des ersten Kirchenbuches nach dem Ende der rudimentären Taufeintragungen von 1713 niedergeschrieben.
Direkt danach auf der gleichen Seite folgt der nicht datierte Bericht von Pfarrer Lamberti  (Pfarrer von 1727 bis 1773) über Geschehnisse während der Pestzeit in Flörsheim, die er aus Erzählungen und Überlieferungen aufgeschrieben hat. Die Übersetzung von [Wagner 1984] dieses Berichtes aus dem Lateinischen enthält kleinere Fehler; so wird das in dem Bericht angegebene Studienjahr von Lamberti in Mainz (1713) nicht wiedergegeben.

Der Verlobte Tag

Sammlung Bernhard Thomas

Aufnahmen: Günter Hess, Flörsheim, Sammlung Bernhard Thomas

Sitten und Gebräuche