Während der Zeit des 30-jährigen Krieges fand eine kontinuierliche, aber nicht sehr markante Abwanderung statt, die von 1660 bis 1670 durch eine ausgeprägte Einwanderung abgelöst wird, deren Maximum etwa 12 Erwachsene pro Jahr beträgt (siehe rechts). Die Fläche unter der fast dreiecksförmigen Kurve entspricht der Gesamtzahl der in diesem Zeitraum Zugewanderten. Es waren etwa 60 Erwachsene. 1660 lebten in Flörsheim etwa 170 Erwachsene. Die 60 Zuwanderer im Jahrzehnt zwischen 1660 und 1670 machten also bezogen auf 1660 35 % aus.
Die  Zuwanderer lassen sich namentlich identifizieren (Männer in Tabelle rechts). Bei den Zuwanderern, deren Herkunft nicht bekannt ist, kann man sicher sein, dass sie nicht aus Flörsheim stammen, da keine Vorfahren in Flörsheim aktenkundig sind. Die hervorgehobenen Zuwanderer sind Stammväter Flörsheimer Familien, die heute noch mit Nachkommen vertreten sind.

Bei den Herkunftsregionen, -städten und -dörfern von Tirol, Bayern, Franken, Köln bis Wicker und Hassloch ist keine Systematik zu erkennen, in dem Sinne, dass diese Herkunftsorte durch den 30-jährigen Krieg wesentlich stärker als Flörsheim in Mitleidenschaft gezogen worden wären, Tirol und Köln z. B. ganz sicher nicht. Für die Mehrzahl der Zuwanderer scheinen die Folgen des Krieges in ihrer Heimat nicht die Hauptmotivation für eine Auswanderung gewesen zu sein. Eine Motivation für Männer, nach dem Krieg nach Flörsheim zu kommen, war sicher, die Möglichkeit insbesondere nach der Pestepidemie 1666, eine wohlhabende Witwe ehelichen zu können, aber wahrscheinlich auch die Attraktivität Flörsheims als Wohnort. Einmal durch seine Lage am Main mitten im Rhein-Main-Gebiet, eineinhalb Stunden zu Fuß von Mainz und zweieinhalb Stunden von Frankfurt entfernt, zum Andern konnte Flörsheim aufgrund seiner Ortsbefestigung, die sich im Krieg bewährt hatte, als relativ sicherer Flecken gelten.
Frauen sind in vergleichbarer Anzahl zugewandert. Frauen wanderten aber nicht eigenständig allein nach Flörsheim ein, was die Rechtsordnung auch gar nicht zuließ, sondern wurden vorwiegend von Witwern nach Flörsheim geholt.

Drei Zuwanderer, Hermann Klepper, Caspar Schütz und Heinrich Gunderoth kamen aus dem Eichsfeld. Das Eichsfeld, eine damals arme Gegend nordwestlich von Erfurt in Thüringen, gehörte wie Erfurt selbst als Enklave zum Erzbistum Mainz. Das erleichterte die Einbürgerung in Flörsheim, da die Eichsfelder nicht als Ausländer galten Trotzdem mussten auch sie das obligatorische „Einzugsgeld“ von 5 fl zahlen und den auch obligatorischen Ledereimer beibringen:

Demnach Von Einem Hochw. DhumbCapitul Zu Maintz ... Gnadten Hochgepietender Herrschafft Vor langer Zeit hero Verwilliget Undt beschlossen worden, dass ein Jäglicher Mann, welcher sich in flörsheimb hirin haüslich Nitterlassen wird, auch Gnädigst ihro Herrschafft die behörige pflichten abgelegt habe, neben dem EinZuckgelt der Gemeindt alhiro Einen Ledernen Eymer, so einen in fewers Nöhten brauchet, auff seine mittel der gemelten gemein liffern muss,        (GB 1675-1690 V/N)

Ein Zuwanderer aus dem Eichsfeld, Caspar Schütz, hatte einen prominenten Enkel, Christian Georg Schütz, der als Maler in Frankfurt arbeitete. Die Abstammungslinie von Christian Georg Schütz kann man hier und in Buch II finden.

Außer Johannes Schleidt, der 1667 die Flörsheimerin Anna Catharina Schreiner heiratete und aus einer vorigen Ehe eine Tochter mit nach Flörsheim brachte, und vielleicht außer Conrad Mitter, waren die männlichen Zuwanderer Junggesellen und heirateten in erster Ehe Flörsheimer Frauen und Witwen. Die zugewanderten Frauen heirateten in erster Ehe Flörsheimer Junggesellen oder Witwer, sie kamen ohne Kinder.
Diese Ehen und die daraus hervorgegangenen Kinder waren der Hauptgrund für den steilen Anstieg der Geburtenzahlen zwischen 1660 und 1670, der sogar die Bevölkerungseinbußen durch die Pestepidemie in hohem Maße kompensierte. Ohne diese Zuwanderungswelle wäre die Entwicklung der Flörsheimer Bevölkerung nach den Bevölkerungsverlusten im Krieg und durch die Pest sicher anders verlaufen (siehe hier).

Nur die Nettowanderungsrate der Erwachsenen lässt sich berechnen, sie ist allerdings der weitaus dominierende Faktor; nur Erwachsene generieren Nachkommen. Man muss natürlich davon ausgehen, dass auch Kinder und Alte an den Wanderungsbewegungen teilnahmen. Deren Anteile muss man relativ zur bekannten Wanderung von Erwachsenen schätzen. Dabei muss man zwischen  Zu- und Abwanderung unterscheiden. Bei der Zuwanderungswelle zwischen 1660 und 1670 kamen vorwiegend Junggesellen und unverheiratete Frauen. Die Zuwanderung von Kindern und Alten spielt hier keine Rolle. Bei ausgeprägten Abwanderungen hingegen wie nach 1755 kann man davon ausgehen, dass vorwiegend Familien im mittleren Alter mit ihren Kindern weggezogen sind, während der Anteil der Alten an der Abwanderung vermutlich gering war („Einen alten Baum verpflanzt man nicht“). Diese Umstände sind in der Computersimulation berücksichtigt.

Nettowanderung/Jahr und Geburten/Jahr zwischen 1620 und 1800

Neue Familien 1660-1670

Heirat

Herkunft

 

 

 

Jung, Martin

1657

Niederursel

Klepper, Hermann

1659

Eichsfeld

Sunckel, Johannes

1660

 

Schwertzel, Martin

1661

Hochheim

Steinbrecher, Wolff

1661

Alpirskirchen

Dickhaut, Johannes

1661

Homberg

Dickmann, Dietrich

1662

Rheinberg

Gro, Gabriel

1662

Oberwittstadt

Flörsheimer, Nicolaus

1663

Bischofsheim

Bessemer, Johannes

1663

Westerburg

Staab, Hans Peter

1663

Eddersheim

Cluin, Jacob

1665

Tirol

Stein, Johannes

1665

Mainz

Reitz, Peter

1665

 

Löw, Christian

1666

 

Bernhardt, Conrad

1666

Kriftel

Schleidt, Johannes

1667

Hassloch

Schütz, Caspar

1667

Eichsfeld

Kohlenberger, Abraham

1668

Bayern

Berger, Johannes

1668

Diesendorf/Bayern

Bohrmann, Kilian

1668

Winkel

Guth, Thomas

1668

 

Mitter, Conrad

1668

 

Seitz, Michael

1668

Amberg/Oberpfalz

Anschütz, Valentin

1669

Franken

Loy, Hans Martin

1669

Witzell

Blum, Johannes

1669

Kaiserswert/Köln

Gunderoth, Heinrich

1669

Eichsfeld

Dienst, Johannes

1671

Ockstadt/Wetterau

Schungel, Johannes

1671

Köln

Wagner, Stephan

1672

Hassloch

„Hauptwache“, Ch. G. Schütz d. Ä., um 1760
 
Historisches Museum Frankfurt  (www.zeno.org)

Der bekannte Frankfurter Maler Christian Georg Schütz d. Ä . ist in Flörsheim geboren.
Emanuel Handmann,1762, Historisches Museum Frankfurt

„Römerberg mit Fischmarkt“, Ch. G. Schütz d. Ä., 1754
 
Historisches Museum Frankfurt  (www.zeno.org)

Zuwanderung im 17. Jhdt.