Die Entwicklung der Einwohnerschaft Flörsheims im 17. und 18. Jhdt. und danach wurde wesentlich durch vier Ereignisse geprägt: Den 30-jährigen Krieg 1618 bis 1648, die Pestepidemie 1666, die Einwanderungswelle zwischen 1660 und 1670 und die große Abwanderung im Siebenjährigen Krieg 1756 bis 1763,  siehe hier.  Diese Ereignisse führten einerseits zu einer dramatischen Abnahme der Einwohnerzahlen zwischen 1630 bis 1650 und 1756 bis 1763, andererseits zu einem ausgeprägten Anstieg der Geburtenzahlen zwischen 1660 und 1670 und damit trotz des Pest zu einem starken Wachstum der Bevölkerung bis 1756. Im oberen  Diagramm rechts  Ergebnisse der Computersimulation.

Da man bei einer Computersimulation alle das System bestimmenden Wechselwirkungen und Parameter in weiten Grenzen auch in Abweichung von den realen historischen Gegebenheiten wählen kann, ist ein solches Simulationsmodell  hervorragend für „Sandkastenspiele“ geeignet. In Naturwissenschaft und Technik ist das sogar oft der Hauptbeweggrund zur Entwicklung von Simulationsmodellen: Man möchte die Frage beantworten „Was wäre, wenn?“

In Bezug auf die Bevölkerungsentwicklung Flörsheims wurden vier Szenarien simuliert:

Szenario 1:  Keine Katastrophen (Kriege, Hungersnöte, Seuchen), keine Zu- oder Abwanderungen
Szenario 2:  Katastrophen wie historisch, keine Zu- oder Abwanderungen
Szenario 3:  Katastrophen wie historisch, Zuwanderungen, keine Abwanderungen
Szenario 4:  Katastrophen wie historisch, aber keine Pestepidemie 1666, keine Zu- oder Abwanderungen

Das wesentliche Element des der Simulation zugrunde liegenden Modells der Bevölkerung ist, dass die Nettowanderung aus einem Vergleich der realen Geburtenzahlen mit den berechneten Geburtenzahlen einer geschlossenen Gesellschaft ermittelt werden, andere Möglichkeiten gibt es nicht, siehe hier.
Weicht ein Szenario von der Realität ab, was der Sinn der Sache ist, gibt es keine “realen” Geburtenzahlen, mit denen verglichen werden könnte, außer bis zu dem Zeitraum, ab dem das Szenario von der Realität abweicht. Ab diesem Zeitraum gibt es nur noch berechnete Geburtenzahlen und Wanderungen danach lassen sich nicht mehr ermitteln. Das ist der Grund, warum, wie in Szenario 3, Zuwanderung bis 1670 noch berücksichtigt werden kann, Abwanderung danach aber nicht mehr.  Ein Szenario ohne Zuwanderung aber mit Abwanderung danach ist deshalb nicht konsistent simulierbar.
Wenn in den verschiedenen Szenarien der Verlauf Einwohnerzahlen von dem realen Verlauf abweicht, unterscheiden sich natürlich auch die entsprechenden Totenzahlen von den historischen Totenzahlen. In einem Dorf mit der halben Einwohnerzahl sterben auch nur halb soviel Personen. Das lässt sich aber korrekt simulieren, da nicht die historischen absoluten Totenzahlen, sondern die historisch korrekten zeitabhängigen Sterberaten benutzt werden.  

Szenario 1 (blaue Kurve):  Hier finden überhaupt keine außergewöhnlichen  Ereignisse wie Kriege, Hungersnöte oder Seuchen wie die Pest statt, die zu erhöhten Todeszahlen führen. Flörsheim ist eine geschlossene Gesellschaft, es gibt keine Zu- oder Abwanderungen.
In der Simulationsbasis wird über den gesamten Zeitraum von 1620 bis 1800 die Sterberate für Kinder, Erwachsene und Alte konstant angenommen und gleich den mittleren Sterberaten gesetzt: SRK0= 0,06/Jahr, SREW0= 0,016/Jahr und SRA0=0,057/Jahr. Zu- oder Abwanderung werden programmtechnisch abgeschaltet.
Als Ergebnis der Simulation zeigt die blaue Kurve in der zweiten  Abb. rechts die Entwicklung der Einwohnerzahlen. Ausgehend von 610 Einwohnern im Jahr 1620, wie im realen Fall, erreicht die Einwohnerzahl um 1700 den Wert 1000; im Jahr 1800 hätte Flörsheim 1750 Einwohner gehabt.  Erwartungsgemäß zeigt die Kurve keine Unregelmäßigkeiten und einen glatten, stetig ansteigenden Verlauf; bei konstanten Sterberaten und bei konstanter Fertilität der Frauen wächst eine Bevölkerung exponentiell.
Bekanntermaßen kam es anders: die rote Kurve zeigt die historische Entwicklung der Bevölkerung. Der 30jährige Krieg und die Pest reduzieren die Einwohnerschaft auf etwa 600 Personen im Jahr 1667. Allerdings schafft die Einwanderungswelle zwischen 1660 und 1670 ein Bevölkerungswachstum, das stärker ist als in Szenario 1. Im Jahr 1720 überholt die reale Entwicklung;  die Flörsheimer Bevölkerung wächst bis 1756 stärker als im “klinischen” Fall, um dann den demografischen Supergau zu erleiden: Im siebenjährigen Krieg wandern etwa 400 Personen ab, so dass 1800 die Bevölkerung aus nur etwa 1300 Personen besteht.

Szenario 2 (grüne Kurve):  Hier werden zur Simulation die historischen Sterberaten verwendet, das heißt, alle Katastrophen haben stattgefunden. Zu- und Abwanderung sind ausgeschlossen.
Die Bevölkerungsentwicklung verläuft bis 1666 erwartungsgemäß weitgehend wie im historischen Fall. Danach aber wächst die Bevölkerung wegen der fehlenden Einwanderung zwischen 1660 und 1670 wesentlich langsamer. Zu Beginn des siebenjährigen Krieges 1756 hätte Flörsheim nur 1100 Einwohner gehabt gegenüber 1500. Allerdings hätte die nicht stattgefundene Abwanderung in den Jahren nach 1756 zu einer höheren Einwohnerzahl als im historischen Fall geführt. Dieses Szenario wäre für die Bevölkerungsentwicklung Flörsheims bis 1756 das schlimmste gewesen.

Szenario 3 (braune Kurve):  Alle Katastrophen finden statt, aber auch die Einwanderung zwischen 1660 und 1670. Wie es sein muss, verläuft die Bevölkerungsentwicklung bis 1756 weitgehend identisch zur historischen Entwicklung. Die fehlende Abwanderung im siebenjährigen Krieg lässt die Bevölkerung stetig weiter wachsen, so dass im Jahr 1800 Flörsheim bereits 2300 Einwohner gehabt hätte. Diese Szenario wäre für Flörsheim die günstigste Entwicklung gewesen.

Szenario 4 (lila Kurve):  Die Pest findet nicht statt, sonst wie in Szenario 2. Statt der historischen Sterberate für 1666 wird in der Simulation der Mittelwert der Sterberaten von 1665 und 1667 gesetzt. Die Einwohnerzahl nimmt zwar 1666 nicht ab, aber die fehlende Einwanderung zwischen 1660 und 1670 führt zu einem nur langsamen Wachstum der Bevölkerung wie in Szenario 2, nur auf einem etwas höheren Niveau, und die Einwohnerzahl bleibt bis 1756 deutlich unter dem historischen Fall.
Dies zeigt einmal mehr, dass für die langfristige Entwicklung der Flörsheimer Bevölkerung nicht die Pest 1666 entscheidend war, sondern die Zuwanderung zwischen 1660 und 1670.

Aus der Simulation dieser Szenarien wird deutlich, welchen dramatischen Effekt die Abwanderung während des siebenjährigen Krieges auf die Bevölkerungsentwicklung Flörsheims hatte. Leider lassen sich die genaueren Hintergründe dieser Abwanderung zur Zeit nicht näher klären, da das entscheidende Gerichtsbuch, das den Zeitraum von 1752 bis 1815 abdeckt, sich nicht mehr im Bestand des Museums sondern vermutlich in “Privatbesitz” befindet, siehe hier.

Entwicklung der Einwohnerzahlen Flörsheims zwischen 1620 und 1800.   Die gelben Punkte stehen für die überlieferten oder aus historischen Informationen rekonstruierten Einwohnerzahlen.

Rote Kurve: Historische Entwicklung der Einwohnerzahlen, Blaue Kurve: Szenario 1, Grüne Kurve: Szenario 2, Braune Kurve: Szenario 3, Lila Kurve: Szenario 4. Die schwarze Kurve gibt die Zahl der Toten/Jahr im historischen Fall wieder.

Geburten/Jahr und Nettowanderung/Jahr im historischen Fall

Was wäre gewesen, wenn?