Frühmesser waren Priester, die die erste Messe am Tag gelesen haben, daher der Name. Sie wurden bezahlt aus den Einkünften des Frühaltarguts, etwa 23 Morgen Land, das 1708 vom Liebfrauenstift eingezogen wurde, zu Unrecht nach Meinung der Flörsheimer. In einem jahrelangen Rechtsstreit zwischen dem Liebfrauenstift und dem Flörsheimer Gericht versuchte das Gericht zu beweisen, dass das Frühaltargut von alters her den Flörsheimern gehört hat.

Dafür gibt es keinerlei Belege, im Gegenteil, die Hofreite Nr. 108 war im gesamten 17. Jhdt. in Pacht von Flörsheimer Einwohnern, die mit der Frühmesserei nichts zu tun hatten. Aus der Zeit um 1625 und davor wissen wir das von einer Liste der Zinseinnahmen des damaligen Pfarrers Heinrich Dungscherer (HHStAW 63/15). Die Pächter waren 1600-1625 der Schuhmacher Paul Christ, dann Johannes Keller, 1625 der Bierbrauer Johann Adam Will, allesamt sicher keine Frühmesser.

Die Tochter von Johann Adam Will, Gertrud Will, heiratete um 1653 den Schmied Michael Rembling, der in dieser Hofreite eine Schmiede betrieb (im Inventar von 1666 ist die gesamte Schmiedeausrüstung aufgeführt). Michael Rembling starb 1663. Nach dem Tod von Gertrud Rembling 1665 ging die Hofreite auf seinen einzigen Sohn Johann Adam Rembling über. Im Alter von 15 Jahren (1668) begann er eine Lehre als Fassbinder. Das hierfür und für seinen Lebensunterhalt notwendige Geld beschafften seine Vormünder durch den Verkauf einiger seiner Äcker. 1669 musste er sich einer Bruchoperation bei einem Mainzer "Bruchschneider" unterziehen. Danach gibt es keine weiteren Nachrichten; wahrscheinlich ist er an den Folgen dieser "Operation" gestorben.

Seine Vormünder verkauften das Anwesen 1676 für 290 fl an Christ Georg Kaus, sicher ebenfalls kein Frühmesser. 1710 wohnte noch dessen Witwe Anna Catharina, geb. Hart, in diesem Haus (GB 1674-1718 G). Sein jüngster Sohn, Caspar Kaus (1686-1769), ist 1729 Besitzer des Anwesens Nr. 108 (GB 1718-1803 G). In der Kirchenrechnung von 1716  wird er als Wirt bezeichnet, ebenso in vielen späteren Jahren bis 1758 in den Kirchenrechnungen (er liefert in all den Jahren den Wein für die Kommunionsfeiern). Am 30.6.1739 wird er als rosenwürth bezeichnet (GB 1729-1742 GVN). Nach Ph. Schneider erhält Caspar K(r)aus bereits am 23. 7. 1711 die Schildgerechtigkeit; einen Caspar Kraus gab es zu dieser Zeit noch nicht in Flörsheim.

Caspar Kaus begründete 1711 das Gasthaus "Zur Rose", das spätere "Scharfe Eck", das er bis mindestens 1758 betrieb.

Nach [Ciesielski/Mohr 2004] gab es ein Gasthaus "zur Rose" auf dem Gelände der heutigen Hauptstraße 16 mit dem ersten Besitzer Caspar Kaus. Caspar Kaus war aber eindeutig der Eigentümer der Hofreite Nr. 108, dem späteren "Scharfen Eck". Ein zweites Gasthaus "Zur Rose" in Flörsheim kann man sicher ausschließen. Die “Rose” war das spätere “Scharfe Eck”.

Eine Tochter von Caspar Kaus, Gertrud Kaus, heiratete 1750 den aus dem Eichsfeld stammenden, späteren Oberschultheißen Johann Michael Konradi (1725-1783). Dieser kauft nach [Ciesielski/Mohr 2004] 1763 von einem Herrn Müller die "Goldene Rose". Dieser Herr Müller war Johannes Müller, der Schwager von Oberschultheiß Johann Michael Konradi. Er hat ihm offenbar dessen Anteil an der “Rose” abgekauft. Konradi war mit Gertrud Kaus und Johannes Müller mit Anna Maria Kaus, beide Töchter von Caspar Kaus, verheiratet. Damit war der Flörsheimer Oberschultheiß Johann Michael Konradi ab 1763 Inhaber des Gasthauses "Zur (goldenen) Rose".

Das Gerichtsbuch, in dem dieser Kauf von 1763 verzeichnet ist, das offenbar vor 2004 noch existierte, befindet sich nicht mehr im Bestand des Flörsheimer Museums, siehe hier.

Das Gasthaus ging über Philipp Hartmann (1740-1787) an seinen Sohn Jakob Hartmann, *1779. Seine Witwe wird nach [Ciesielski/Mohr 2004]  1844 und 1848 als Eigentümerin der "Goldenen Rose" genannt. Ihr Sohn Peter Hartmann, *1819, Küfer von Beruf, zahlt ab 1850 Schanksteuer und ist bis 1860 Wirt "Zur Rose". Am 29. Juni 1847 wird hier der Flörsheimer Sängerbund als erster Verein Flörsheims gegründet. Nach Ph. Schneider war ab 1860 der Bäcker Peter Abt Wirt dieses Gasthauses. Eine seiner Töchter, Catharina Abt, heiratete 1881 Adam Hartmann (1848-1938), der 1887 als Eigentümer genannt wird. Ab 1860 wird ein Gasthaus "Zur Rose" nicht mehr erwähnt. Es wurde offenbar unter Peter Abt in "Zur Eintracht" umbenannt.

Einige der folgenden Angaben stammen aus [Ciesielski/Mohr 2004]: Adam Hartmann unterhielt einen Eiskeller auf dem Pfarrgelände an der Hauptstraße und etablierte eine Terassenwirtschaft auf dem Anbau neben dem Hauptgasthaus (1892/1894). 1905 gründeten 15, der SPD nahestehende Männer im Gasthaus "Zur Eintracht" den Arbeiter-Gesangverein "Frisch Auf Flörsheim".

Ab 1909 war der Sohn von Adam Hartmann, Peter Hartmann (1893-1961), Eigentümer und Wirt des Gasthauses. Er teilte 1913 dem Bürgermeisteramt mit, dass er seine Wirtschaft "Scharfes Eck" wieder in  "Zur Eintracht" umbenannt hat, wie die Wirtschaft früher hieß. Die Umbenennung der ersten "Eintracht" in "Scharfes Eck" ist wohl unter Adam Hartmann um 1885 erfolgt. Interessant ist, dass der Name "Scharfes Eck", obwohl nur knapp 30 Jahre von Bestand, sich in der alteingesessenen Flörsheimer Bevölkerung als Name des Anwesens durchgesetzt hat.  Peter Hartmann betrieb bis zu seinem Tod 1961 die Gaststätte "Zur Eintracht". Sein Schwiegersohn, der Metzgermeister Joseph Keller und seine Frau Anna, geb. Hartmann, führten die Gaststätte bis 1974 wieder unter dem Namen “Zum Scharfen Eck”, wie die Abb. rechts von 1975 zeigt. 

1975 war das unrenovierte und verputzte Fachwerkhaus durch frühere Um- und Anbauten stark verunstaltet und stand leer. Die Stadt Flörsheim erwarb das Anwesen und stellte es der neugegründeten städtischen Sanierungsberatungsstelle zur Verfügung. Die Beratungsstelle war in der ehemaligen Wirtsstube im Erdgeschoss untergebracht; das Obergeschoss diente der ebenfalls 1975 gegründeten Planergruppe als Büro. In dieser Zeit galt das Gebäude bei der Bevölkerung als Schandfleck und es gab Forderungen nach seiner Beseitigung. Die Architekten der Sanierungsberatungsstelle empfahlen jedoch die Sanierung. Die Stadtverordnetenversammlung folgte der Empfehlung der Stadtplaner und beschloss die Erhaltung des Gebäudes. Neuere Anbauten wurden entfernt, das Fachwerk freigelegt, und ein neuer Eingang zum Gastraum gegenüber der Kirche geschaffen. Das “Scharfe Eck” stellt heute eine wichtige Bereicherung der Flörsheimer Altstadt dar. 1993 wurden Dach und Fachwerk saniert.

Nach der Sanierung wurde das Gebäude als  Gaststätte verpachtet: An den Bäcker Hans Richter (Cafe Richter), an Fred und Resi Böse (Bistro, Wein- und Pilsstube). 1996 eröffnete "Fred´s Kartoffelstube". 2016 war Andreas Marquardt kurz Pächter, der die Gaststätte als "Gallus Stubb" betrieb. 

Der heutige oberirdische Teil des Gebäudes hat im Laufe der Zeit erhebliche Veränderungen erfahren. Das Fachwerkobergeschoss dürfte aus der zweiten Hälfte des 17. Jhdts. stammen (siehe Horst Thomas: “40 Jahre Planen für Flörsheim”) und geht damit wohl auf Christ Georg Kaus zurück, in dessen Besitz die Hofreite ab 1676 war. Die Südfassade der ursprünglich zweigeschossigen Fachwerkkonstruktion ist erhalten (zweite Abb. rechts). Das Erdgeschoss wurde allerdings im späten 18. oder frühen 19. Jhdt. massiv mit Bruchsteinmauerwerk unterfangen, und das gewalmte Mansarddach vermutlich erst im 18. Jhdt. aufgesetzt. Fundament und Keller stammen aus früheren Zeiten, wahrscheinlich aus der Zeit vor dem 30-jährigen Krieg.

Der Bierbrauer Johann Adam Will, der das Anwesen 1625 gepachtet hatte, hat dort mit Sicherheit eine Heckewirtschaft betrieben; die damaligen Bierbrauer brauten Bier als Schankbier. Damit dürfte das "Scharfe Eck" die einzige Wirtschaft Flörsheims sein, die, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, von 1625 bis heute eine Wirtschaft war. Darüber hinaus gehört das "Scharfe Eck" zu den ältesten Schildwirtschaften Flörsheims:  1670 "Pfannkuchisches Haus" (“Engel”);  1709 "Hirsch", "Karpfen", "Krone", "Goldene Sonne"; 1710 "Anker"; 1711 "Rose" ("Scharfes Eck"). 

“Scharfes Eck”, Fred´s Kartoffelstube   Aufnahme 2009

“Scharfes Eck”, Fred´s Kartoffelstube   Aufnahme 2011

Colorierte Ansichtskarte von 1919, “Scharfes Eck” links. Obwohl 1913 in “Zur Eintracht” rückbenannt, steht auf dem Schild noch “Zum Scharfen Eck, Peter Hartmann”, Original im Museum Flörsheim

“Scharfes Eck” währen der Sanierungsarbeiten 1976/77, aus 40 Jahre Planen für Flörsheim

“Scharfes Eck” 1975, aus 40 Jahre Planen für Flörsheim

Das “Scharfe Eck” heute, Aufnahmen 2017

Das "Scharfe Eck" gegenüber dem Haupteingang der St.Gallus-Kirche gehört zu den markantesten Fachwerkhäusern in Flörsheim. Seine Geschichte lässt sich rekonstruieren. Das Anwesen entwickelte sich aus der Hofreite Nr. 108 (Plan A). Die beiden Hofreiten Nr. 108 und Nr. 113 standen auf Kirchengelände und gehörten im 17. Jhdt. und davor der Kirche Flörsheim. Ihre Besitzer zahlten Zinsen/Pacht an den Pfarrer, siehe auch hier. Die bisher von Heimatforschern u. a. [Ciesielski/Mohr 2004] beschriebene Geschichte dieses Anwesens in der frühen Neuzeit bedarf allerdings erheblicher Korrekturen. So soll es über Jahrhunderte das Haus der Frühmesser gewesen sein, siehe auch hier.

Das "Scharfe Eck"