Das “erste” Flörsheimer Kirchenbuch enthält in sehr unterschiedlicher Qualität der Aufzeichnungen und lückenhaft Eintragungen für den Zeitraum von 1601 bis 1712.

Die Flörsheimer Kirchenbücher wurden in den 1970er Jahren von den Mormonen (Mormonen: Kirche Jesus Christus der Heiligen der letzten Tage, Salt Lake City, USA) mikroverfilmt, die Pfarrei St. Gallus besitzt eine Kopie dieser Mikrofilme. Die Auswertung dieser mikroverfilmten Seiten aller Kirchenbücher trug wesentlich zur Schaffung einer genealogischen Datenbank Flörsheims bei.

Die Mikrofilmaufnahmen des ersten Kirchenbuches deuten darauf hin, dass das Buch ursprünglich aus zwei getrennten Teilen bestand, die nachträglich in einem Band zusammengeführt wurden. Die Inspektion des Originals im Diözesanarchiv in Limburg bestätigt diese Vermutung: Das Buch besteht aus zwei Teilen, einem älteren mit regelmäßigen Eintragungen bis 1635 und einigen Seitenfragmenten mit Eintragungen bis 1646, erkennbar an dem höheren Verschmutzungsgrad und einem leicht größeren Papierformat (Abb. rechts oben) und einem neueren Teil beginnend 1653. Offenbar hat Pfarrer Johann Adam Brück, der 1653 mit dem neuen Buch begann, das alte Buch in sein neues integriert.

Der ältere Teil des Buches umfasste ursprünglich wahrscheinlich 140 Seiten, wovon einige Seiten nicht oder nur spärlich beschrieben sind. Anders als im neueren Teil, wo jeweils getrennte Buchbereiche für Taufen, Sterbefälle und Heiraten benutzt werden, wie auch in allen späteren Kirchenbüchern, sind im alten Teil die Einträge für Taufen, Sterbefälle und Heiraten nicht immer getrennt sondern mehr oder weniger chronologisch geordnet. Die ersten Einträge beginnen 1601 und sind bis 1620 nur Heiratseinträge. Ab 1621 beginnen die Eintragungen von Taufen, Sterbefällen und Heiraten und reichen bis 1636. Für die Zeit zwischen 1636 und 1641 gibt es keinerlei Einträge. Da auf der Seite mit dem ersten Eintrag von Pfarrer Honnecker 1641 noch Resteinträge von 1636 zu finden sind, muss man schließen, dass unter den Pfarrern Circkelbach (1637/38) und Lanius (1639/40) kein Kirchenbuch geführt wurde.
Die letzten Seiten enthalten Einträge von 1641 bis 1646. Sie sind teilweise stark beschädigt und wurden von Pfarrer Johann Adam Brück als Fragmente und Schnipsel in das neue Gesamtbuch gerettet. Offenbar wurden die letzten Seiten des ersten Buchteils gegen Ende des 30jährigen Krieg zerstört. 
Zwischen 1648 und 1653 gibt es keine datierbaren Einträge für Geburten, Tote oder Heiraten. Da die letzten Seiten des ersten Buchteils vermutlich vor 1648 zerstört wurden, kann man annehmen, dass Pfarrer Honnecker nach 1648 kein Kirchenbuch mehr geführt hat. Dass er allerdings auch bereits nach seinem Amtsantritt 1641 keine korrekten Einträge vorgenommen hat, erkennt man daran, dass sich auf einer fast vollständig erhaltenen (eingeklebten) Seite für die Jahre 1641 bis 1644 nur jeweils ein Sterbeeintrag findet (Abb. rechts unten). Er kam in Flörsheim nicht zurecht und hatte bereits 1645 um seine Versetzung nachgesucht  [Schichtel 1967].

Die Seiten des zweiten Buchteils sind zwar alle erhalten, aber die Eintragungen der Pfarrer Vogel, Hellriegel und Huberti sind nicht vertrauenswürdig bzw. unvollständig, siehe weiter unten. Erst unter Pfarrer Lamberti (1727-1773) beginnt wieder eine korrekte Kirchenbuchführung.
Die letzten 35 Seiten des neuen Teils enthalten Diverses: Das Gelöbnis des “Verlobten Tages” vom 28.7.1666 von Pfarrer Laurentius Münch, ein Bericht über die Pestzeit [Wagner 1984] geschrieben von Pfarrer Gerhard Lamberti nach 1727, jährlich wiederkehrende Seelenmessen, Geschenke an die Kirche und rudimentäre Einträge von Geburten und Heiraten Haßlocher Einwohner.

Die Qualität der Schrift reicht von gut lesbar bis fast nicht lesbar, trotzdem konnte das „erste“ Kirchenbuch vollständig ausgewertet werden [Klein 1939], [Flörsheimer 1983].

Man kann nicht prinzipiell davon ausgehen, dass die Eintragungen in den Kirchenbüchern zuverlässig sind, das gilt insbesondere für das erste Kirchenbuch. Ein paar Stichproben genügen, um Unplausibilitäten zu finden. Um Unregelmäßigkeiten der Eintragungen sichtbar zu machen, aber insbesondere auch als Grundlage einer Simulation der Bevölkerungsentwicklung, ist es notwendig, die Zahl der Taufen, Sterbefälle und Heiraten pro Jahr zu erfassen; Ergebnis im Diagramm rechts.

Der Verlauf der Todeszahlen zeigt Spitzen wo die Todeszahlen gegenüber dem Normalniveau deutlich erhöht sind, so 1623, 1632, 1666 und 1673. Diese Spitzen korrelieren klar mit Kriegsereignissen bzw. mit der Pestepidemie 1666: 1622 Schlacht bei Höchst, 1631 Einnahme von Mainz durch die Schweden, 1672 Beginn des niederländisch-französischen Krieges. 
Die Todeszahlen zwischen 1675 und 1727 sind allesamt unrealistisch, was vorwiegend darauf beruht, dass tote Kinder häufig nicht eingetragen wurden. Pfarrer Huberti hat überhaupt keine toten Kinder eingetragen. Da Kinder etwa 60 % aller Toten ausmachten, sind diese Angaben für statistische Auswertungen nicht brauchbar, mehr dazu in Bevölkerungsstatistik.

Bei den Geburten reichen die Eintragungen von Pfarrer Dungscherer bis zum Ende seiner Amtszeit 1636 Regelmäßige Eintragungen beginnen wieder unter Pfarrer Johann Adam Brück 1653 mit niedrigeren Geburtenzahlen als in der Zeit zwischen 1620 und 1636. Ab 1665 ist ein steiler Anstieg der Geburtenzahlen zu erkennen, der ab 1670 in eine normale Entwicklung mündet. In einer geschlossenen Population (keine Zu- oder Abwanderungen) ist ein solcher Sprung in den Geburtenzahlen nicht möglich.
Die Fluktuation im Verlauf der Geburtenzahlen, also das Auf und Ab von Jahr zu Jahr, darf, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht ereignis- oder umständebedingt interpretiert werden, etwa als Folge von guten oder schlechten Erntejahren. Die Geburt eines Kindes ist ein statistischer Vorgang. Solche Vorgänge unterliegen elementaren statistischen Schwankungen, auch wenn alle äußeren Umstände gleich bleiben. Die Schwankungen im Geburtenverlauf  entsprechen weitgehend dem, was man mathematisch erwarten würde.

Zwischen 1690 und 1700 gehen die Geburtenzahlen auf ein Niveau zurück, was bedeutete, wenn dieser Einbruch real wäre, dass fast alle Einwohner den Flecken verlassen haben müssten. Das war mit Sicherheit nicht der Fall. Mehr noch, sie hätten nach 10 Jahren alle wieder zurückkommen müssen, denn die Geburtenzahlen ab 1700 liegen genau auf dem Niveau, wie man es bei einer kontinuierlichen Bevölkerungsentwicklung ohne Unterbrechung erwarten würde.
1688 beginnt der Pfälzische Erbfolgekrieg, 1689 wird die Rüsselsheimer Festung gesprengt, aber auf der Seite rechts des Mains fanden keine größeren Kriegshandlungen statt. Flörsheim war zwar betroffen, so gibt es mehrere Bemerkung in GB 1675-1690 V/N, wo zwischen 1690 und 1695 von einem grossen dumult der franhzohsen die Rede ist.  Das Kirchenbuch hätte nach einer Auslagerung für 10 Jahre verschollen sein können, aber wie kommen dann die regulären Einträge zwischen 1690 und 1700 hinein? Die Kirchenbuchseiten dieser Zeit vermitteln einen chaotischen Eindruck (Abb. rechts). Am Beispiel 1695 und 1696 erkennt man die wenigen regulären Einträge und die Vielzahl von an die Ränder gekritzelten Nachträgen. Wie kann es sein, dass der Pfarrer (Johann Gallus Vogel) einige wenige reguläre Taufeinträge vornimmt, aber eine Vielzahl von Taufen nicht einträgt? Hier schein ein Problem des Pfarrers vorzuliegen, vielleicht bedingt durch den grossen dumult der franhzohsen.

In der Zeit zwischen 1690 und 1700 gibt es im Kirchenbuch nicht nur Unterregistrierung, sondern auch Falscheinträge , wie die folgenden Beispiele zeigen:

Jacob Cluin: laut Inventar am 14. 1. 1692 bereits tot – laut KB am 18. 1. 1695 beerdigt
Nicolaus Hart: laut Testamentseröffnung am 9. 12. 1693 bereits tot – laut KB am 15. 8. 1694 beerdigt

Das folgende Beispiel belegt klar ein Eintragungsproblem:
Johann Adam Ruppert, geboren 1658, heiratet 1683 Catharina Melchior. Die Kinder werden in den folgenden Jahren geboren: 1683 - 1685 - 1688 - 1690 -------- 1698 - 1704 - 1706 - 1707. Eine Geburtenlücke von 8 Jahren bei einer Frau, die normalerweise alle 2 Jahre ein Kind zur Welt bringt, ist äußerst unwahrscheinlich. Theoretisch hätten die Geburten zwischen 1690 und 1698 auch außerhalb Flörsheims stattfinden können, aber Johann Adam Ruppert war in dieser Zeit nachweislich in Flörsheim, wie man dem Gerichtsbuch GB 1690-1705 V/N entnehmen kann: 1691 ist er Weingartenschütze in der zweiten Reihe, 1692 macht er Schulden bei der Gemeinde, 1696 zahlt er 50 fl Schulden zurück, und 1697 kauft er eine Hofreite im 3. Viertel.

Aber auch nach 1700 stimmen Sterbedaten nicht:
Anno 1705 den 25ten Decembris ist Jörg Wieget in eine tödliche Kranckheit gerathen, und sich Mitt der letzten Öhlung Versehen lassen---  (Kirchenprotokoll)
Laut Kirchenbuch wurde Georg Wiget am 14. August beerdigt.

Aufschlußreich ist die folgende Urkunde von 1697, in der sich die Flörsheimer beim Domdechanten wegen überschwenglicher Viehhaltung beschweren und um eine neue Ordnung bitten, wer wieviel Zug- und Stallvieh halten darf:

Actum Flörsheimb den 6ten May 1697 (HHStAW 105/490)
Nachdeme Aus Gnädigem befehl des Hochwürdigen Hoch Undt Wohlgeborenen frayherrn Herrn Johan Philipus CrayffenClaw Von Volratz Domdechanten Zu Mayntz Unseres HochgePiettend Gnädigen Herrn in ahnhehrung hiriger Gemeindt Viellfältiger beschwerd wegen des überschwencklichen Viehehaltens, widerumb auch die alte Ordnungh Neue beschraybung, was und wie Viell Ein jeder Undterthan des orts ahn Zugk Undt Stall Viehe macht Zu halten haben soll ---

In einem halb entvölkerten Dorf, wie es die Geburtenzahl 1697 impliziert, würde sich wohl kaum die Gemeinde wegen ausufernder Viehhaltung beschweren. Es gibt eine Möglichkeit, direkt nachzuweisen, dass kein substanzieller Teil der Einwohner Flörsheim zwischen 1690 und 1700 verlassen hat, siehe Bevölkerungsstatistik.

Betrachtet man die Heiratseinträge, so erscheint im Jahr 1632 eine ausgeprägte Spitze in den Heiratszahlen. Hier dürften geplante Heiraten in Erwartung längerer schwedischer Besatzung vorgezogen worden sein. Nach 1636 bis 1653 gibt es keine Heiratseinträge. Dass in diesem Zeitraum niemand geheiratet hat, ist sehr unwahrscheinlich. Die Gründe für die Nichteintragungen sind die oben geschilderten. Die Spitze 1667 wird wahrscheinlich darauf zurückgehen, dass Heiraten im Pestjahr 1666 aufgeschoben und dann 1667 nachgeholt wurden.

 

Zwei Kirchenbücher sind in einem Band zusammengefasst. Der alte Teil ist erkennbar am größeren Papierformat.

Beginn des neuen Buchteils 1653 durch Pfarrer Johann Adam Brück, links der letzte Rest des alten Buches.

Zahl der Geburten, Toten und Heiraten pro Jahr von 1620 bis 1800                   Die Auswertung schließt das 18. Jhdt. mit ein, da erst für 1730 und 1740 Einwohnerzahlen Flörsheims überliefert sind, und diese Zahlen als Prüfpunkte für die Computersimulation der Bevölkerungsentwicklung dienen.

Taufeinträge für 1695 und 1696. Man erkennt die regulären Einträge und die Vielzahl von Nachträgen an den Rändern.

Flörsheimer Pfarrer und deren Amtszeit [Schichtel 1967]. Die Eintragungen der hellviolett markierten Pfarrer sind nicht vertrauenswürdig.

Letzte Einträge von 1636 (linke Seite), rechts der Beginn der Eintragungen von Pfarrer Honnecker 1641

Das "erste" Kirchenbuch