Die Familie des 17. Jhdt. in Flörsheim war wie auch anderswo im Reich patriarchalisch organisiert. Der Familienvater war Herr im Haus, ihm unterstanden nicht nur Ehefrau und Kinder, sondern in seiner Rolle als Hausvorstand auch alle im Haus lebenden Personen (Gesinde). Er war Herr über alle beweglichen und unbeweglichen Güter des Hauses, Hausrat, Vieh, Äcker und Weinberge. Der Hausvorstand vertrat die Hausgemeinschaft nach außen. Er tätigte Vertragsabschlüsse und er allein war berechtigt zum Kauf oder Verkauf von Grundstücken. Er vertrat die Hausgemeinschaft vor Gericht, hatte Zugang zu Gerichtsversammlungen und konnte eine Klage auf den Weg bringen. Als Hausvorstand trug er andererseits die Verantwortung für das leibliche und seelische Wohlergehen der Mitglieder der Hausgemeinschaft und wurde von der Dorfgemeinschaft daran gemessen, wie gut er diese Aufgabe erfüllte. In seiner Kompetenz lag weitgehend alle Arbeit außerhalb der eigentlichen Haushaltsführung. Er bestellte die Äcker und Weinberge und versorgte das Großvieh, was nicht ausschloß, dass Frau und Kinder ihm dabei halfen, insbesondere zu Erntezeiten.

Die Aufgaben der Hausfrau beschränkten sich auf den häuslichen Bereich. Ihr oblag die Zubereitung des Essens, die Pflege und Erhaltung der Kleidung, die Sauberkeit des Hauses, die Aufzucht der Kinder, die Versorgung des Kleinviehs und die Pflege des in jeder Hofreite vorhandenen Gartens. „Bei aller Unterordnung unter den Mann handelte sie in der Leitung des Haushalts eigenständig und nahm somit an der Führung des Hauses teil. Die Einschränkung der Frau auf das Haus hatte sicher traditionelle Gründe der Arbeitsteilung, hing aber auch damit zusammen, dass Frauen in den entscheidenden Lebensjahren fast immer schwanger waren und die Säuglinge zu versorgen hatten, also schon von daher vorwiegend auf das Haus verwiesen waren“ [Dülmen van 2005]. Die Beschränkung der Hausfrau auf häusliche Aufgaben heißt nicht, dass es für die Frau keine Öffentlichkeit gegeben hätte. Sie pflegte Kontakte zu Nachbarinnen, ging auf dem Markt einkaufen und traf sich mit anderen Frauen am Gemeindebackhaus. Gemeinsam mit ihrem Mann trat sie in die Öffentlichkeit bei Kirchgängen und gesellschaftlichen Ereignissen wie Hochzeiten.

In der Mitte des 17. Jhdts. lebten etwa 100 Familien bzw. Hausgemeinschaften in Flörsheim. Etwa 80 % der Einwohner waren 1656 nicht alteingesessen, ihre Eltern stammten nicht aus Flörsheim. Ein ähnliches Bild ergibt sich 1637. Flörsheim war im 17. Jhdt. keine statische Gesellschaft, es gab ein ständiges Kommen und Gehen, teilweise bedingt durch die Wirren des 30-jährigen Krieges, am stärksten aber sichtbar in der Zuwanderung zwischen 1660 und 1670, wo, bezogen auf die existierenden Familien, 35 % neue Familien entstanden.  Von den meisten Familien, die vor 1700 in Flörsheim gelebt haben, existieren heute keine Nachkommen mehr.
Ein Beispiel hierfür ist die bedeutende und wohlhabende Familie Bring, deren Anfänge sich bis ins 14. Jhdt. zurückverfolgen lassen, die aber Anfang des 17. Jhdts. ausgestorben ist, begleitet von einem tragischen Ereignis. Balthasar Bring, der um 1555 geboren sein muss, machte 1608 sein Testament (GB 1447-1613 GN)

Anno 1608 den 3ten Juli

hat der Ersame balthes bring Schultes und Gericht in seiner schwacheit Vor sich kommen lassen und freywillig Under dem freyen Hmmel ohngestabt und ungehalten seiner nahrung Volgender gestalt testirt und Vermacht. Nemlich er sagt seine liebe Hausfrau habe ihm in wehrender ehe Viel treuw und guets bewisen also Vermacht er ihr 30 Morg aigen acker. Item die sülz und den Hern berg. Item das körbgen. Item Ein Hueb Clare und ein halb Hueb Erbacher gueth. ....... Ferner hat er ihr Vermacht die Zwo Hoffraiden bey der oberPforden, und bey der Carthaus. Entlichen Vermacht er seiner Hausfrauw alles was sie baide ehleuth miteinander ahn baarschafft gesamlet haben, soll sie auch Vor sich allein behalten, Und soll sie ihr lebtag in dem gantzen gueth eine lebZüchterin Pleiben.

Hier vermacht er seinen gesamten, nicht unerheblichen Besitz an Äckern, Weinbergen, Hofreiten und Bargeld seiner Frau Ela. Dieses Vermögen befindet sich später im Besitz der Gemeinde und der Kirche unter dem Namen „Brängische Pfarrkirche“. Wie man dem Testament entnehmen kann, kommen weder Gemeinde noch Kirche als Erbe  vor. Wie gelangten diese in den Besitz des Bring’schen Vermögens?  Ela Bring, die im Besitz des gesamten Vermögens war, wurde am 10. 5. 1616 als Hexe verbrannt. Da es keine Kinder als Erben gab, fiel nach damaligen Regeln das Vermögen an Obrigkeit, Gemeinde und Kirche.

Nach Anmerkungen von Ph. Schneider in dem eben genannten Gerichtsbuch hielt Jakob Lauck den Bring´schen Besitz für den Grundstock des Kirchenvermögens. Dem widersprach Ph. Schneider, der von umfangreichem früherem Besitz der Kirche ausging. Dass dem so war, zeigt die Urkunde von 1545, die die Verpachtung des Pfarrgutes (60 Morgen Land und 4 Morgen Weingarten) beschreibt, siehe hier.

Die meisten Flörsheimer Familien des 17. Jhdts. sind ausgestorben oder nach einem kurzen Gastspiel wieder abgewandert. Auf der anderen Seite gibt es ein Reihe Flörsheimer Familien, deren Ursprung sich ins 17. Jhdt. und teilweise davor zurückverfolgen lässt und die heute noch mit Nachkommen in Flörsheim vertreten sind. In der rechten Übersicht sind die Familien aufgelistet, die zu den angegebenen Jahren bereits in Flörsheim sesshaft waren. Dabei sind in der jeweils nächsten Rubrik auch die mit aufgeführt, die vorher schon existierten. Die starke Zunahme der Zahl der Familien in dem relativ kurzen Zeitraum von 1656 bis 1670 ist auf die ausgeprägte Zuwanderung zwischen 1660 und 1670 zurückzuführen. Eine Besonderheit stellt die Familie Duchmann dar, deren Wurzeln im 14. Jhdt. liegen und heute noch zahlreiche Namensträger hat. Sie ist somit die „älteste“ noch aktuelle Flörsheimer Familie.

„Bauernfamilie“   Radierung von Adrian van Ostade, 1668

1600 bis heute

 

 

 

(Christ)

Lauck

Diehl

Müller

Duchmann

Ruppert

Kaus

Theis

 

 

 

 

1656 bis heute

 

 

 

Allendorf

Kohl

Bengel

Kaus

Born

Lauck

Breckheimer

Mohr

Diehl

Müller

Dienst

Nauheimer

Duchmann

Neumann

Eberwein

Ruppert

Eckart

Schellheimer

Hart

Theis

Hartmann

Thomas

Hochheimer

 

 

 

 

 

1670 bis heute

 

 

 

Allendorf

Klepper

Bengel

Kohl

Born

Lauck

Breckheimer

Mitter

Cluin

Mohr

Diehl

Müller

Dienst/Hochheim

Nauheimer

Dienst/Ockstadt

Neumann

Duchmann

Ruppert

Eberwein

Schellheimer

Eckart

Schleidt

Flörsheimer

Schütz

Hart

Schwertzel

Hartmann

Theis

Hochheimer

Thomas

Kaus

Wagner

Die Familie von Hans Peter Schuhmacher. Von den 9 Kindern starben 1666 4 Kinder an der Pest, Johann Adam, Maria Margaretha, Magdalena und Georg, die ersten Pesttoten in Flörsheim. Nur ein Kind, Johannes, erreichte das Erwachsenenalter und ein relativ hohes Lebensalter. Die Pestepidemie in Flörsheim 1666 und der Ursprung des „Verlobten Tages“ werden in Schriften beschrieben z. B. in [Schüler 1916]. Alle Autoren sind sich einig, dass die Pest im Haus des Schneiders Hans Peter Schuhmacher ausgebrochen ist. Das war die Hofreite Nr. 35 im Plan A, die von der Mutter seiner Frau Hedwig Sabina stammte. Nach dem Tod seiner ersten Frau 1671 und einer zweiten, kinderlosen Ehe geht er 1675 seine dritte Ehe mit Maria Salome, der Witwe von Nicolaus Kohl, ein. Nachkommen des einzigen Sohns aus dieser Ehe, Ludwig Schuhmacher, lebten noch im 20. Jhdt. in Flörsheim. Zuvor hatte Hans Peter Schuhmacher 1669 seine Hofreite an Nicolaus Herr aus Hochheim für 120 fl verkauft und das Grundstück Nr. 24 erworben. Dort begann er mit dem Bau eines neuen Hauses, wozu er Geld lieh. Bei seinem Tod 1689 hatte er allein bei dem Juden Hayum 140 fl Schulden. In Anbetracht dieser Schulden verweigerte der zu diesem Zeitpunkt einzig erwachsene Sohn Johannes aus erster Ehe das Erbe. Hans Peter Schuhmacher ist im Stockbuch 1656 aufgeführt; er lebte vom Schneiderhandwerk und besaß nur 1 Morgen Weingarten.

Die Zeitlinien der Mitglieder der Familie Philipp Lauck (Hofreite Nr. 90), geboren 1633. Sein Großvater, Conrad Lauck, geboren um 1575, ist der erste fassbare Stammvater aller Flörsheimer „Laucke“. Von den 12 Geborenen seiner Frau Elisabeth geb. Hochheimer erreichten 2 das Erwachsenenalter (für 2 Kinder ist nur das Todesdatum überliefert). Da seine Eltern früh gestorben sind, ist er noch 1652 Pflegesohn von Philipp Hart und Lucas Alt. Im Gegensatz zu 2 seiner Kinder, Matheus und Anna Barbara, die ein hohes Alter erreichen, starb er früh mit 38 Jahren. Er ist als Hof- und Grundbesitzer im Stockbuch 1656 aufgeführt, so dass wir über seinen Besitz sehr gut informiert sind; insgesamt besaß er 7,2 Morgen Äcker und 3,8 Morgen Weingärten.

Das erste Beispiel ist extrem, zeigt aber, was passieren kann. Lorenz Born, von Beruf Schneider, heiratet 1739 Anna Maria Brenner. Bei der Heirat ist Lorenz 26 Jahre und Anna Maria 22 Jahre alt, was dem Durchschnittsalter für Heiraten entspricht (siehe Bevölkerungsstatistik). Anna Maria stirbt mit 38 Jahren und bringt in den 16 Jahren ihrer Ehe 9 Kinder zur Welt, hatte also praktisch alle 1,8 Jahre eine Geburt. Von den 9 Kindern sind 5 vor dem 2. Lebensjahr gestorben, das älteste ist 7 Jahre alt geworden; kein Kind hat das Erwachsenenalter erreicht. Als die Mutter gestorben ist, waren alle Kinder bereits tot. Lorenz Born hat nicht wieder geheiratet.

Die Zeitlinien der Familie Hans Thomas, meines Urahnen. Die Herkunft von Hans Thomas ist unbekannt, er stammte nicht aus Flörsheim. Er hat mit ziemlicher Sicherheit 1652 geheiratet, 1653 wird die erste Tochter Margaretha geboren, das Heiratsdatum fällt damit in die Lücke der Kirchenbucheintragungen, wo normalerweise bei Heiratseinträgen die Herkunft angegeben wird. Er ist eine für ihn sehr vorteilhafte Ehe eingegangen; seine Ehefrau Margaretha war 1652 das einzig überlebende Kind der alten und wohlhabenden Familie Berll, die sich bis etwa 1430 zurückverfolgen lässt. Laut Stockbuch besaß er 2 Hofreiten (Nr. 4 in Plan A)] direkt unterhalb der Kirche, 1,3 Morgen Äcker und 5,3 Morgen Weingärten; er war offenbar Winzer. Nach dem Tod seiner Schwiegermutter Dorothea Hartmann erbten er und Margaretha den Rest des Berll’schen Besitzes und brachten es zu ansehnlichem Wohlstand; nach seinem Tod 1685 weist die Inventarliste u. a. 2 Pferde und eine rote Kutsche aus; eine der beiden Hofreiten hatte einen Wert von 550 fl. Von den 11 Kindern starben nur 2 in den ersten beiden Jahren, 7 Kinder erreichten das Erwachsenenalter und heirateten. Die Mutter, die 71 Jahre alt wurde, hat die Hochzeit von 7 ihrer Kinder erlebt. Von den 7 verheirateten Kindern waren 6 Töchter und ein Sohn. Während sich z. B. die Familie Philipp Eckert auf 3 Söhne als Stammhalter verlassen konnte, hing hier alles an einem Sohn. Unglücklicherweise ist das gleiche in der nächsten und übernächsten Generation wieder passiert – ein gewaltiges Nadelöhr in einer Stammlinie. Nach dem Tod von Hans Thomas wurde der gesamte Besitz in 7 gleichwertige Teile geteilt (Realteilung), so dass für den einzelnen nicht allzuviel übrig blieb. Für die 6 Töchter war das nicht weiter tragisch, sie haben sich alle gut verheiratet. Für den Sohn Paul war das ein Problem: Die Erbschaft hat nicht ausgereicht, um zum Zeitpunkt seiner Heirat 1689 eine ganze Hofreite zu erwerben, er musste sich eine Hofreite mit Johannes Rupp für 300 fl teilen.

Realteilung:  Südlich einer Linie Aachen, Bonn, Marburg, Erfurt wurde im 17. Jhdt. und davor beim Erbe die Realteilung praktiziert, d. h. der gesamte Besitz wurde in gleichen Teilen auf die Nachkommen vererbt mit all den damit verbundenen Problemen wie Flurzersplitterung, und dass der Hof oft verkauft werden musste, um die Geschwister auszubezahlen. Nördlich dieser Linie galt das Anerbenrecht: In der Regel erbte der älteste Sohn den gesamten Hof (Mobilien waren ausgeschlossen) während die Geschwister weit unter Wert abgefunden wurden. Der Hof musste hier nicht verkauft werden und blieb in der Familie. Die Ackerflächen blieben unzerstückelt. Die Geschwister allerdings mussten sich eine neue Existenz aufbauen und wanderten nicht selten ab.

Die Familie von Philipp Eckert, geboren 1624. Seine Vorfahren stammten aus Weilbach; sein Vater, Gerhard Eckert, siedelte um 1620 nach Flörsheim über, wo er bereits 1621 Kirchenmeister war. Philipp ist schon in Flörsheim geboren. Sein Großvater, Peter Eckert, geboren um 1570 in Weilbach, kann als Stammvater aller „Eckerte“ in Flörsheim gelten. Bezüglich der Kinder gehörte die Familie von Philipp Eckert zu den glücklicheren: Von 8 Kindern erreichten 6 das Erwachsenenalter und heirateten; die Mutter Anna Elisabeth geb. Born wird sich über die Schar von 37 Enkeln gefreut haben. 2 Schwestern, Martha und Maria Elisabeth, heirateten die aus Tirol stammenden Bürder Marcus und Jacob Cluin, beide Maurer. Jacob Cluin erbaute 1685 das neue Flörsheimer Pfarrhaus. Philipp starb zwar mit 39 Jahren relativ früh, konnte sich aber sicher eines gewissen Wohlstandes erfreuen (anders hätte die Familie nicht 6 Kinder großziehen können): Er besaß eine Hofreite direkt hinter der Kirche in der Obergass (Nr.78 in Plan A), 33 Morgen Äcker und 6 Morgen Weingärten. Nach dem Tod von Philipp heiratete die Witwe Anna Elisabeth 1665 den aus Waldürn stammenden Sebastian Eberwein; beide betrieben eine der ersten in Flörsheim erwähnten Heckewirtschaften.

Im Folgenden einige Beispiele Flörsheimer Familien mit unterschiedlichen Kinderschicksalen. In den Diagrammen stellen die Balken die Lebensspanne von Eltern und Kindern dar, die roten Rauten markieren das Heiratsdatum.

Alte Flörsheimer Familien