Die belegbare Geschichte der Flörsheimer Ziegelbrennerei beginnt mit dem Ziegelbrenner Martin Moritz aus Kostheim der 1699 die Flörsheimerin Anna Maria Berger heiratete und  mit dem Aufbau der Ziegelei begann. Deren Tochter Anna Catherina Moritz heiratete 1718 den aus Dieburg stammenden Ziegelbrenner Thomas Enders, der 1720 den Besitz durch Tausch vergrößerte und mit 100 Ziegell 5 bitten Kalg undt 50 gebackene stein bezahlt. Er war offenbar Kalk- und Ziegelbrenner. In diesem Gerichtsbucheintrag von 1720  wird zum ersten mal ein Besitzer der  Ziegelhütte genannt, siehe hier.
Die Ziegelhütte selbst ist bereits seit 1718 aktenkundig (GB 1674-1718 G). Die ältesten Karten, in der die Ziegelei eingetragen ist, sind die von 1794, 1801 und 1819. Sie stand auf dem gleichen Gelände wie die alten Kalkbrennöfen, wo Peter Engers seit 1661 und später Jacob Cluin die Kalkbrennerei betrieben hatten.

Nach 1700 werden die Cluins nicht mehr mit Kalkbrennen in Verbindung gebracht, und man  kann davon ausgehen, dass die Kalkbrennöfen seit dieser Zeit ebenfalls  zum Moritz/Enders´schen Besitz gehörten. Thomas Enders starb früh mit 42 Jahren kinderlos. Trotzdem blieb die Ziegelhütte im Familienbesitz, denn eine andere Tochter, Maria Apollonia Moritz,  heiratete 1728 den aus Wiesbaden stammenden Ziegelbrenner Johann Jacob Gottron, der die Ziegelei bis zu seinem Tod 1768 betrieb.
1741 stiftete Johann Jacob Gottron die heute noch existierende Kapelle am Bachweg direkt an der ehemaligen Ziegelhütte (unten). Nach dem Tod von Johann Jacob Gottron stellt das Gericht die Unteilbarkeit der Ziegelhütte fest, GB-Eintrag hier, (J.J.Gottron hatte fünf Töchter aus zwei Ehen) und ließ die Ziegelhütte meistbietend versteigern. Der Letztbietende war  Nicolaus Hochheimer, der 1750 Anna Maria Gottron, eine Tochter von Johann Jacob Gottron  aus erster Ehe geheiratet hatte. Damit blieb die Ziegelhütte weiter in Familienbesitz; allerdings hatten Nicolaus Hochheimer und Anna Maria Gottron keine erwachsenen Nachkommen. Nicolaus Hochheimer starb 1775.   

Später waren die Ziegelhütte und die Brennöfen im Besitz des Kalk- und Ziegelbrenners Heinrich Martini (1815-1892) und seiner Söhne Franz Martini (1854-1932) und Joseph Martini (1861-1922). Sie waren wie auch die Gottrons vorher Kalk- und Ziegelbrenner. Für die Zeit zwischen 1775 und etwa 1840 kommt der als Ziegelbrenner überlieferte  Christoph Pauly (1763-1842) als Eigentümer in Frage. Ob er der Besitzer der Ziegelhütte war, ist unklar.
Nach [Sievers 2004] blieben die Brennöfen bis 1919 in Betrieb. 1968 mussten die Ziegelhütte und die Ziegelbrennöfen für den Bau der neuen Hochheimer Straße weichen und wurden abgerissen. Die Kalkbrennöfen blieben erhalten, siehe rechts.
Zur Herstellung von Ziegeln und Backsteinen braucht man Lehm, ein Sand-Tongemisch, das in der unmittelbaren Umgebung der Ziegelhütte nicht vorkommt, und Kalkbrennöfen eignen sich nicht zum Ziegel- und Backsteinbrennen. Eine interessante Frage ist, warum hat Martin Moritz um 1700 trotzdem den Ort der Kalkbrennöfen als Stelle für den Aufbau der Ziegelei gewählt?
Der Grund hierfür ist nicht überliefert, aber eine plausible Erklärung könnte die folgende sein: Kalk- und Ziegelbrennerei musste, wie überall, wegen der starken Qualm- und Rauchentwicklung in deutlicher Entfernung zum Ort betrieben werden. Die Stelle der Kalkbrennöfen war also geeignet und auch erwerbbar; die Cluins konzentrierten sich wieder auf ihren angestammten Beruf: Maurer. Außerdem hatte Martin Moritz von Beginn an vor, Kalk und Ziegel zu brennen, wie es später die Gottrons und Martinis ebenfalls getan haben. Bereits 1711 bezahlte er eine Hofreite im dritten Viertel mit 300 fl und 8 Bütten Kalk.
Die Beschaffung des notwendigen Grundmaterials war allerdings kein großes Problem; in der Flörsheimer Gemarkung gibt es umfangreiche Lehm-/Tonvorkommen.  Bereits in GB 1656 G (Stockbuch) wird öfters die Lomekaut vor der Niederpforte erwähnt (Lehm im Flörsheimer Dialekt: Lome, Letsch), also an der Stelle, wo auch in 19. und 20. Jhdt. noch Lehm/Ton abgebaut wurde, siehe Karten hier). Für das 18. Jhdt. kann man sicher von der gleichen Stelle für den Abbau ausgehen, so dass Martin Moritz und die späteren Ziegelbrenner den Bachweg als kurzen und einfachen Transportweg zur Ziegelhütte nutzen konnten. 

Ziegelhütte und alte Hochheimer Straße, Zeichnung von Johann Weber, 1951, Richtung Südosten  [Sievers 2004]

Ziegelhütte und alte Hochheimer Straße (Bachweg), Zeichnung von Georg Habicht 1934, rechts die “Gottron Kapelle” [Sievers 2004]

“Gottron Kapelle” von 1741 am Bachweg   Aufnahme 2011

Auch vor den Dyckerhoffaktivitäten gab es nicht nur an der gleichen Stelle einen Kalksteinbruch, sondern auch an einigen weiteren steinfeltern wurden Kalksteine gebrochen. Die Karte der Umgegend vom Mainz zeigt die Situation im Jahr 1850 (Ausschnitt rechts). Aus diesen steinkauten oder steinfeltern, die öfters in den Flörsheimer Gerichtsbüchern erwähnt werden, stammten jahrhundertelang die Kalkbruchsteine zum Bau der Flörsheimer Häuser wie auch zum Bau der Ortsbefestigung (1454-1548). Glaubt man der Karte von 1819, siehe hier, gab es zu dieser Zeit noch keinen Steinbruch an der Stelle des späteren Dyckerhoff´schen Steinbruches..

1656 verkaufte der Flörsheimer Vian Thuan dem Landgrafen Georg von Hessen-Darmstadt einen morgen Ackers Steinfelts in Dieser Flörsheimer gemarckung gelegen geforcht die Hocheimer gemarckung Unden Zu, Vor Undt Umb 33 RT: bahr, wahrscheinlich zum Ausbau der Rüsselsheimer Festung.
Der Verkauf war verbunden mit der Auflage  dass der gemeine strass (Bachweg) Einig Ungemach nicht Zugefügt werde. Es handelte sich vermutlich um das obere westliche Steinfeld vor dem Falkenberg (Karte rechts); es lag genau an der Gemarkungsgrenze zu Hochheim.

Neben der Verwendung als Mauersteine waren Kalksteine seit Jahrtausenden das Ausgangsmaterial zur Herstellung von gebranntem Kalk zur Gewinnung von Kalkmörtel, Kalkputz und Kalkfarbe. Gebrannter Kalk (Kalziumoxid) entsteht durch Brennen von Kalksteinen (Kalziumkarbonat) in Kalkbrennöfen (zum historischen Kalkbrennen siehe z. B. hier und rechts). Gebrannter Kalk reagiert mit Wasser zu Kalziumhydroxid (gelöschter Kalk), dem wesentlichen Bestandteil von Kalkmörtel, Kalkputz und Kalkmilch. In Luft  bindet Kalziumhydroxid mit Kohlendioxid wieder zu Kalziumkarbonat ab.

Man kann davon ausgehen, dass seit Anbeginn in der Flörsheimer Gemarkung Kalk gebrannt wurde (Germanen, Römer haben das Kalkbrennen beherrscht). Die erste schriftliche Erwähnung eines Kalkofens in Flörsheim stammt von 1589 [Gall 2009], 1594 wohnt in Flörsheim ein Hans Kalckbrenner. Für die Zeiten später wissen wir mehr:

Am 29. 11.1661 kaufte Meister Peter Engers, Kalkbrenner, einen Acker uff der steinkauten am Bachweg an der Gemarkungsgrenze zu Hochheim und bezahlte mit 10 fl und drei Bütten Kalk (GB-Eintrag hier). Seine Hofreite war die westliche Nr. 7 am Niederturm (Plan A). Zum Bau des neuen Schiffes der Flörsheimer Kirche 1664-1666 erhielt er für mehrmalige Kalklieferungen 169 fl (der Preis für 203 Bütten) und lieferte weitere 71 Bütten Kalk für 59 fl, 25 alb die Bütte. Der Kalk wurde als gelöschter Kalk geliefert. 

1665 kaufte der Maurermeister Jacob Cluin (der 1685 das neue Pfarrhaus gebaut hat) Meister Peter Engers für 24 RT seinen Kalckoffen ab (GB-Eintrag hier). Jacob Cluin und sein jüngerer Bruder Marcus begründeten die Flörsheimer “Maurerdynastie” im 17. und 18. Jhdt.. Peter Engers hatte keine erwachsenen Nachkommen, und es war abzusehen, dass die Kalkbrennerei zum Erliegen kommen würde. Das dürfte der Grund gewesen sein, warum Jacob Cluin, der als Maurer auf die Verfügbarkeit von Kalkmörtel angewiesen war, den Kalkofen gekauft, und die Kalkbrennerei selbst betrieben hat

Die Tatsache das Kalk als gelöschter Kalk in Bütten transportiert und geliefert wurde (ungelöschten Kalk hätte man in Säcken transportiert) gibt Hinweise auf den Standort des Brennofens von Engers/Cluin: Der Kalk wurde auf dem Gelände der Kalkbrennerei gelöscht und in Kalkgruben über mehrere Monate gelagert ( “gesumpft”), was für eine gute Kalkqualität notwendig war. Dazu wurden immense Mengen an Wasser benötigt, so dass als Standort der Kalkbrennerei von Engers und Cluin nur ein Standort unmittelbar am Flörsheimer Bach in Frage kommt.  Mit hoher Wahrscheinlichkeit war es der, wo auch die heutigen historischen Brennöfen stehen. Aus dem einstigen einen Brennofen von Engers/Cluin wurden im Laufe der Zeit mehrere, was in der Zeit nach 1700 unter Martin Moritz bis Franz Martini geschah (siehe weiter unten). Die heute noch sichtbaren historische Brennöfen (rechts) wurden restauriert, überdacht und sind heute Bestandteil des Regionalparks Rhein-Main, siehe auch hier.

Die Stelle des späteren Dyckerhoff´schen Steinbruchs und einer Anzahl weiterer (historischer) Stellen zum Abbau von Kalksteinen in der Flörsheimer und Hochheimer Gemarkung.

Historischer Kalkbrennofen in Flörsheim  Aufnahme 1973

Historische Kalkbrennöfen, nach der Restaurierung und Überdachung 1997   Aufnahme 2007

1864 wurde das Unternehmen Dyckerhoff als “Portland-Cement-Fabrik Dyckerhoff & Söhne” in Amöneburg gegründet (es lieferte den Zement für den Sockel der amerikanischen Freiheitsstatue 1884). Kurz danach begann das Unternehmen mit dem Abbau von Kalksteinen in Flörsheim an der Spitze eines Höhenrückens, der vom Rodplateau bis zum Bachweg reichte (Dyckerhoffarchiv, Stadtarchiv Wiesbaden). Rechts der Steinbruch im Jahr 1973, siehe auch hier.

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Dyckerhoff´scher Steinbruch, Richtung Osten, Aufnahme 1973

Tongrube Cornelius Dienst 1908, aus Kurt Wörsdörfer “Die Menschen, der Ort, die Zeit”

Schema eines historischen Kalkbrennofens, Quelle

Chemischer Kalkkreislauf, Quelle

Historische Kalkbrennöfen, Ziegelhütte, Ton-/Lehmgruben