Aus dem 17. Jhdt. gibt es keine zum jetzigen Zeitpunkt bekannte Karten, denen man den Verlauf der Wege in der Gemarkung um 1656 entnehmen könnte. Da sich aus den Lagebeschreibungen der Äcker und Weinberge in den Gerichtsbüchern naturgemäß kein Wegverlauf im Detail ableiten lässt (Es gibt keine Textstelle in einem Gerichtsbuch, die etwa lautet: „Nach 30 Schuh macht der Kreuzweg einen leichten Rechtsknick“), muss und kann man sich für die Rekonstruktion an Karten des 18. und 19. Jhdts. orientieren, denn genau wie in der kartografischen Struktur des Dorfes die Gassen über Jahrhunderte sehr stabile Elemente sind, galt das auch für die Wege in der Gemarkung. Das gilt allerdings nicht mehr für das 20. Jhdt. und danach, wo historische Wege vollständig verschwunden sind und auch heute noch verschwinden, siehe hier.

Die älteste Karte, die den Wegeverlauf in der Flörsheimer Gemarkung darstellt, ist die  Artilleriekarte von 1794.  Wie der realistische Grundriss des Dorfes Flörsheim in dieser Karte zeigt, kann man von einer hohen Wirklichkeitsnähe dieser Karte ausgehen. Der sicher zu dieser Zeit vorhandene Mühlweg fehlt allerdings im oberen Verlauf zwischen Ziegelhütte und Tauberstsmühle. Da sie sich auf die preußischen Stellungen zwischen Wicker und Hochheim konzentriert, ist der Hauptwegeverlauf nur im Westen der Gemarkung weitgehend vollständig dargestellt.

Die Haas’sche Karte von 1801, deren Urheber sich bei der Darstellung des Dorfe keine Mühe gemacht hat (Ober- und Unterpforte liegen falsch und damit auch die davon abgehenden Wege), ist in einiger Entfernung vom Dorf realistischer, wenn sie auch im Detail erhebliche Fehler aufweist. So fehlen Höllweg, oberer und unterer Höllweg und Ahlerpfad, die 1801 mit Sicherheit existierten, und der Artelgraben mündet deutlich zu weit östlich in den Main. Die erste uneingeschränkt vertrauenswürdige Karte ist die Karte der Umgegend von Mainz um 1850.  Anders als „fehlerhaft“ ist der Begriff „vertrauenswürdig“ in Bezug auf eine Karte relativ zu sehen. Karten unterschiedlichen Maßstabes enthalten naturgemäß unterschiedliche Details, und die Aufnahme von Wegen und Pfaden hängt auch von deren Bedeutung ab, real, oder wie der Kartograph sie einschätzt.

Für die Rekonstruktion wurden insbesondere die Karten von 1794 und 1850 benutzt. Das Ergebnis rechts und in   Plan I. Die Zuordnung der Wege- und Pfadnamen im Stockbuch und den anderen Gerichtsbüchern macht in den meisten Fällen keine Schwierigkeiten, da sie den noch heute gebräuchlichen entsprechen, wie z. B. Weilbächer Weg, Kreuzweg oder Ahlerpfad. Einige Wege müssen allerdings rekonstruiert werden.

Der Mainzer Weg begann an der Unterpforte und ist nach der Wedelhube identisch mit dem späteren Neuwingertsweg (die Obergasse hatte keinen westlichen Durchgang durch die Ortsmauer). Den in der Lauck’schen Karte eingezeichnete „Mainzer Pfad“ gibt es weder 1656 noch in den Karten von 1794 und 1850. Vom Mainzer Weg zweigt der Eselspfad ab, verläuft näher am Main und mündet bei der Hopfenmühle in den Mühlweg. Der Bachweg, vor dem Bau der neuen Hochheimerstraße der Hauptverbindungsweg zwischen Flörsheim und Hochheim, beginnt an einem Hauptwegekreuz vor der Unterpforte, dem späteren „Zollstock“, streift den Seegraben und überquert den Wickerbach bei der späteren Ziegelhütte, danach ändert er seinen Namen in Hochheimer Weg“. Der Zwerchweg (zwerch: schräg, quer), eine Querverbindung zwischen Bachweg und Mainzer Weg südlich des Seegrabens, ist noch in der 1794er Karte eingetragen. In der nördlichen Verlängerung des Mühlwegs verlief ein wichtiger Verbindungsweg über die Kelb am Rod vorbei zur Warte, wo er in den Steinweg in der Wickerer Gemarkung überging. In früh- und spätmittelalterlichen Zeiten war er zusammen mit dem Mühlweg Teil eines Fernwegs [Metzner 2010] durch die Flörsheimer Gemarkung.  Interessanterweise hat sich für diesen Weg, obwohl oft genannt, kein spezifischer Name herausgebildet. Er wird als wegh der von der mul nach wicker gehet umschrieben. Oberhalb der Obermühle zweigt von diesem Weg der Gerichts- oder Galgenweg ab, der in den „Bachweg an der Kelpe“ mündet, der am Wickerbach entlang zur Wiesenmühle führt.

Der Wasserlauf, der direkt neben diesem Weg verläuft, ist der Mühlkanal der Obermühle; der eigentliche Wickerbach verläuft einige zehn Meter weiter südlich. Wickerbach und Obermühlkanal gabeln sich an dem kleinen Parkplatz an der heutigen Fahrstraße zur Wiesenmühle. Diese heutige Fahrstraße vom Felsenkeller zur Wiesenmühle gab es als Weg auch um 1656 (Weg zum alten Judenfriedhof).

Gerichtsweg und Galgenberg sind in einer Skizze der Ausgabe von 1744 des Karthäuser Kopialbuches 1320-1756 (HStAD C1A 104) festgehalten, rechts. Die Weinberge, die im Stockbuch als am Galgenberg liegend beschrieben werden, liegen oberhalb des Gerichtsweges/Galgenweges in der in Plan I notierten Flur „Galgenberg“. Der Galgenberg selbst als geografische Höhe ist in Plan I mit „G“ markiert.

Der Hippfad (hippath, huppath) war eine Querverbindung nördlich von See und Seegraben zwischen Kreuzweg und Bachweg. Ein kleiner Pfad südlich des Seegrabens lässt sich rekonstruieren, aber ohne Namen. Der Rodpfad zweigt einige hundert Meter hinter dem Zollstock vom Kreuzweg ab und verläuft durch den Seegraben hoch zum Rodplateau, wo er in den Hochheimer Pfad übergeht, der über den Hochheimer Steg an der Wiesenmhle als zweiter Weg nach Hochheim führt. Ein namenloser Pfad geht von der Wiesenmühle aus und erschließt das Hinterrod. Die abkürzende Querverbindung zwischen Hochheimer Pfad und Kreuzweg hatte vermutlich bei extremen Hochwasserständen von Main, See und Seegraben ihre Berechtigung. Denn dann waren nicht nur der Mainzer Weg sondern auch der Bachweg und der Rodpfad in Höhe des Seegrabens unpassierbar (siehe Hochwasser). Die einzige Möglichkeit, trockenen Fußes von Flörsheim nach Hochheim zu kommen, war dann die Strecke über den Kreuzweg und eben diese Querverbindung zum Hochheimer Pfad.

Östlich vom Kreuzweg verlaufen Krehwinkelpfad, der alte Wickerer Weg und der Wickerer Weg. Die Lage des alten Wickerer Weges war im 20. Jhdt. nicht mehr bekannt. Ph. Schneider schreibt dazu [Schneider 1942]:

Es wird eben der alte Wickerer Weg erwähnt. Eine Bezeichnung die noch heute üblich ist. Es ist daher anzunehmen, daß nach der Nachbargemeinde Wicker vor 1668 ein neuer Weg, die heutige Wickerer Straße angelegt wurde. Der alte Wickerer Weg zweigte vom Untertor ab“.

Ph. Schneider hielt den Wickerer Weg für den alten Wickerer Weg. Der neue Wickerer Weg war allerdings nicht die heutige Wickerer Straße, die war immer der Oberehnweg. Ph. Scheider hat dies wohl bemerkt und notiert einige Seiten weiter im gleichen Gerichtsbuch:

 „Es wird 1670 bei obigem Verkauf der alte Wickerer Weg genannt. Eine Bezeichnung, die noch heute 1942 in Gebrauch ist. Es muss daher nachher einen anderen Weg nach Wicker gegeben haben“.

Hier legt er sich nicht mehr auf die Wickerer Straße als neuen Wickerer Weg fest. Um die Verhältnisse zu klären, muss man weiter in der Zeit zurückgehen. Aus den folgenden Einträgen (GB 1447-1613 G/N, Stockbuch) lassen sich alter Wickerer Weg und (neuer) Wickerer Weg identifizieren:

1447 ubir des wickir weiges

1475 zwischen dem mittelphade und dem wicker weg

1483 zwischen wicker weig und Krewinckelphad

1538 zeugt uf den alten wicker weg

1656 zwischen den zwen wickerer wegh

In allen Einträgen bis 1483 ist nur von einem Wickerer Weg die Rede, es muss sich daher um den alten Wickerer Weg handeln. Damit kann man den dritten Eintrag auch lesen: „Zwischen altem Wickerer Weg und Krehwinckelpfad“. Ein Blick auf Plan I zeigt, dass damit für den alten Wickerer Weg nur der östlich des Krehwinckelpfades gelegene Weg in Frage kommt; der Kreuzweg als alter Wickerer Weg scheidet sicher aus. Eine weitere Skizze aus den Karthäuser Kopialbuch (rechts) bestätigt diese Schlussfolgerung. Der heutige Wartweg war also der alte Wickerer Weg.

Im obigen Eintrag von 1538 wird zum ersten Mal ein alter Wickerer Weg erwähnt, spätestens ab dann muss es einen neuen Wickerer Weg gegeben haben, der allerdings nie als „neu“ bezeichnet wird, sondern immer nur als Wickerer Weg im Unterschied zum alten Wickerer Weg. Dem obigen Stockbucheintrag von 1656 folgend lag der Wickerer Weg neben dem alten Wickerer Weg. Damit kommt für den Wickerer Weg nur der Weg östlich des alten Wickerer Weges in Frage, der, wie Ph. Schneider richtig bemerkte, an der Unterpforte beginnt den er aber für den alten Wickerer Weg hielt. Der Eintrag von 1475 lässt sich lesen „Zwischen dem Mittelpfad und dem alten Wickerer Weg“. Krehwinkelpfad und Mittelpfad werden beide in der Urkunde von 1475 genannt. Der Mittelpfad kann also nicht der Krehwinkelpfad sein, damit ist „Mittelpfad“ die alte Bezeichnung des Weges, der spätestens 1538 zum (neuen) Wickerer Weg wurde, eine Bezeichnung, die seiner geografischen Lage in der Mitte der Gemarkung gerecht wird.

Der „Werdegang“ von Mittelpfad, altem Wickerer Weg und Wickerer Weg ist unmittelbar mit dem Bau der Landwehr und der Flörsheimer Warte in den Jahren um 1490 verknüpft. Nach [Metzner 2010] war ein wesentlicher Grund für den Bau der Flörsheimer Warte als Teil der Landwehr die Kontrolle eines Fernweges, der aus dem Limburger Beckens in unserer Gegend über Massenheim und Wicker über den Steinweg durch die Flörsheimer Gemarkung über den Main nach Seilfurt und weiter nach Süden führte. Konsequenterweise stand die Warte nicht an dem lokalen Verbindungsweg zwischen Flörsheim und Wicker, dem alten Wickerer Weg, sondern an der Stelle, wo dieser Fernweg die Landwehr passieren musste (Plan I). Die Fundamente des alten, 1817 abgebrochenen Wartturms wurden von [Thomas, Metzner 1993] aufgefunden, siehe hier.

Mit dem Bau der Landwehr wurden die lokalen Verbindungen zwischen Flörsheim und Wicker gekappt, insbesondere die, wie der Name aussagt, wichtigste Verbindung, der (alte) Wickerer Weg. Noch in der Karte von 1794 endet der alte Wickerer Weg an der Landwehr und hat keine Verbindung zum Steinweg (Ausschnitt aus der Artilleriekarte rechts) eine Verbindung, die vor dem Bau der Landwehr vorhanden war . Der Wickerer Weg (der alte) wird zum letzten Mal 1517 genannt, spätestens zu diesem Zeitpunkt war dieser Weg als Verbindung nach Wicker unterbrochen. Die Landwehr war demnach 1517 oder kurz davor in diesem Bereich fertiggestellt. Danach wird 20 Jahre lang überhaupt kein Wickerer Weg erwähnt. 1538 wird zum ersten Mal ein „alter Wickerer Weg“ genannt. Spätestens dann, also etwa 20 Jahre nach der Fertigstellung der Landwehr etablierte sich der (neue) Wickerer Weg, der über den Steinweg nach Wicker führte und die kürzeste Verbindung zwischen Flörsheim und Wicker darstellte. Davor mussten die Flörsheimer wenn sie nach Wicker wollten, offenbar 20 Jahre lang den alten Fernweg an der Warte vorbei zum Steinweg benutzen, was im Vergleich zum (neuen) Wickerer Weg einen Umweg bedeutete.

Die Flörsheimer Warte wird in GB 1447-1613 G/N zum ersten Mal 1516 erwähnt, ein Wartweg bis zum Ende dieses Gerichtsbuches nicht. Erst im Stockbuch wird der Wartweg als zweiter Name für den alten Wickerer Weg benutzt. Eine Statistik der Häufigkeit der Wegenennungen im Stockbuch zeigt, dass „Alter Wickerer Weg“ doppelt so oft als Bezeichnung für diesen Weg benutzt wird als „Wartweg“. Letztere Bezeichnung ist deshalb in Plan I eingeklammert.

Von der Unterpforte aus führt ein kurzes Wegstück, der Heilig Haus Weg nach der so benannten Kapelle am Untertor zu einer Wegegabelung, wo der Unterehnweg (Niederehnweg) vom Wickerer Weg abzweigt. Ersterer verläuft schräg durch das Bergfeld und mündet kurz unterhalb des Bergweges in den Oberehnweg. Von Westen aus gesehen ist der Oberehnweg der erste nach Norden führende Weg, der von der Oberpforte ausgeht. Von ihm zweigt in der Mitte des Bergfeldes der Herrnpfad zum Herrnberg ab.

Zu Ober- und Unterehnweg siehe hier.

Eine Querverbindung in Ost-West-Richtung nördlich des Dorfes, die spätere „Allee“ (Artilleriekarte) gab es 1656 nicht. Zu Zeiten, in denen der Ortsbefestigung noch ihre Schutzfunktion zukam, wäre ein solcher Weg unmittelbar vor der Ortsmauer auch sicher kontraproduktiv gewesen. Der Bergweg ist eine Querverbindung am Fuß des Berghangs zwischen unterem Höllweg und dem alten Fernweg. Zwischen dem Bergweg und der Landwehr verlaufen Grubenpfad Herrnbergspfad und Körbgespfad, benannt nach den jeweils benachbarten Kleinfluren. Der Klingpfad erschließt einen Teil des östlichen Bergfeldes.

Etwa 200 m nördlich der Oberpforte zweigt der Höllweg vom Oberehnweg ab, er bildet die Grenze zwischen Berg- und Brückenfeld und teilt sich in der Hölle in den unteren und oberen Höllweg, die beide bis zur Landwehr führen. Der Riedweg beginnt an der Oberpforte, verläuft durch das gesamte Ried und wird im letzten Teil vor der Gemarkungsgrenze als Hattersheimer Pfad bezeichnet. Vom Riedweg gehen etwa 100 m nach der Oberpforte an der gleichen Gabelung Weilbächer Weg nach Weilbach und Eddersheimer Pfad nach Eddersheim ab. Der vom Weilbächer Weg abzweigende Ahlerpfad ist der einzige Weg, der den nördlichen Teil des Brückenfeldes erschließt. Die im Vergleich zum Bergfeld und Niederfeld auffallende Wegelosigkeit des Brückenfeldes findet, zumindest in seinem südlichen Teil ihre Erklärung in landschaftlichen Widrigkeiten, siehe Feuchtgebiete. Vom parallel zum Erdelgraben (Artelgraben) verlaufenden Eddersheimer Pfad zweigte direkt nach der Erdelbrücke der Auweg ab, der entlang dem Mainufer ungefähr dem Verlauf des späteren Maindamms folgt. Der Mittelpfad, nicht zu verwechseln mit dem Vorgänger des Wickeren Weges, erschließt das Eych.

Legt man die Skizze mit den rekonstruierten Wegen auf eine heutige Satellitenaufnahme der Gemarkung (rechts),sieht man auf den ersten Blick eine bemerkenswerte Übereinstimmung im alten und neuen Wegeverlauf, was auch nicht weiter verwunderlich ist; warum sollte sich der Verlauf von beispielsweise Weilbächer Weg oder Oberehnweg (die heutige Wickerer Straße) geändert haben? Einige Wege sind heute allerdings nur noch teilweise sichtbar, einige ganz verschwunden und der alte Verlauf ist auch nicht mehr im Flurbild erkennbar. Mehr dazu hier.

Wege und Pfade 1656.  Der Galgenberg ist mit “G” markiert.

Galgenberg und Gerichtsweg. Skizze aus dem Kopialbuch der Karthaus 1744,  Süden ist oben.

Warte und alter Wickerer Weg.  Links an der Landwehr (Landgewehr) der Warththurm mit quadratischem Unter- und rundem Oberbau. Die rechte Hochkantschrift lautet „alter Wickerer Weg“. Aus der Form und der angegebenen Fläche (eineinviertel Morgen) des skizzierten Weinbergs lässt sich der Abstand zwischen Warte und altem Wickerer Weg berechnen; er beträgt etwa 170 m. Skizze aus dem Kopialbuch der Karthaus 1744.

Die Wickerer Wege und die Landwehr.  Der alte Wickerer Weg endet an der Landwehr, erst der (neue) Wickerer Weg schaffte wieder eine direkte Verbindung über den Steinweg nach Wicker. 1794 war offenbar schon der Oberehnweg rechts, die spätere Wickerer Straße, die wichtigste Verbindung zwischen Flörsheim und Wicker.

Die neue Flörsheimer Warte  Fertiggestellt 1996       Aufnahme 2010

Überlagerung des Wegeverlaufs 1656 mit einer Satellitenaufnahme der Gemarkung 2010 Google Earth

Abb 86_4

Wege und Pfade 1656