Nicht nur im nahegelegenen Rheingau, sondern auch am Untermain hatte die Weinherstellung seit der Römerzeit eine ungebrochene Tradition. Etwas überspitzt war Flörsheim im 17. Jhdt. ein Winzerdorf, wo auch Ackerbau betrieben wurde. Nicht alle Flörsheimer Hofbesitzer waren Ackerbauern, aber alle waren Winzer.

Angebaut wurde in Flörsheim, wie in Hochheim, die Rieslingrebe. Die Rieslingrebe, die genetisch stark mit der Wildrebe verwandt ist, stellt zwar hohe Ansprüche an die Lage, verträgt aber Winterfröste bis -25 Grad, und ist wegen des späten Austriebes wenig spätfrostgefährdet. Rieslingweine gehören heute zu den hochwertigsten Weinen weltweit. Die weltweit erste Erwähnung von Riesling findet sich in einer Rüsselsheimer Urkunde vom 13. 3. 1435 [Volk].

Die Weinanbaufläche betrug 1656 etwa 100 ha. Daneben gab es etwa 50 ha Eller, für den Weinbau geeignete Grundstücke, die noch gerodet werden mussten, bevor sie zu neuen Weingärten  werden konnten. Die Anbaufläche verteilte sich auf 80 Morgen in den Fluren Ahler und Hölle, 160 Morgen am Wickerer Berg zwischen unterem Höllpfad und Kossinberg, 130 Morgen auf dem Rod und über dem See und 30 Morgen in den Niederweingärten, siehe Flächennutzung.

Anzahl der Weingärten mit einer bestimmten Größe 1656

Rieslingtrauben. Weltweit werden heute mit Abstand die meisten Rieslingreben in Deutschland angebaut. 
Fotograf unbekannt

Rebmann, das Werkzeug ist ein Karst
Holzschnitt, Jost Amman
Ständebuch Frankfurt 1568

Die durchschnittliche Wingertgröße war 0,5 Morgen verteilt auf 830 Parzellen. Wie bei den Äckern auch hier eine starke Zersplitterung der Anbaufläche, was aber in dem Fall keine prinzipiellen Fragen zur effizienten Bewirtschaftung aufwirft, da die Weingärten von Hand bearbeitet wurden.

Die Mehrzahl der Weingärten befand sich im Besitz oder in Pacht von Flörsheimer Bürgern mit Ausnahme von 8 Morgen, die der Mainzer Carthause gehörten und von dieser auch bewirtschaftet wurden. Dabei darf man sich nicht Mönche in Kutten in den Weinbergen vorstellen, die notwendigen Arbeiten im Weinberg wurden von Lohnarbeitern unter Aufsicht von Laienbrüdern durchgeführt. Die Trauben wurden im Cartheuserhof gekeltert, der Wein in Fuderfässern gelagert (1 Fuder = 6 Ohm, etwa 960 L) und auf Schiffen nach Mainz transportiert.
1668 gab es Streit zwischen den Flörsheimer Schrötern, die den Transport der Fässer zu den Schiffen zu bewerkstelligen hatten, und den Cartheusern über die Höhe der zu zahlenden Schröterlöhne Der Flörsheimer Schröterordnung nach hatten die Schröter für ein Ohm Wein auf- und abzuschroten Anspruch auf jeweils 10 h. Die Cartheuser wollten zukünftig aber nur noch 9 h bezahlen. Der Gemeinderat, zusammengesetzt aus Gericht, Viertelmeistern und Gemeindevorgängern, besteht auf der alten Schröterordnung und verlangt auch in Zukunft 10 h pro Ohm und Schrotvorgang. Die Schröterordnung wurde den Cartheusern formal zugestellt.

1675 bestehen die Cartheuser auf einer „Neufeststellung“ ihrer Weinberge in Flörsheim (HHStAW 104/133). Von den 8 Morgen die vorhanden sein müssten, fehlen 1,5 Morgen, die

--- in gefährlichen Zeiten und langwirigen Kriegswesen in solchen abgang gerathen, das man Zur Zeit derer keine gewisse nachricht mehr erhalten kann --- .

Da 1,5 Morgen Wingert selbst in Kriegszeiten nicht einfach spurlos verschwinden können, kann man den Verdacht haben, dass Kriegswirren ausgenutzt wurden, um Grenzsteine zu versetzen, was auch außerhalb von Kriegszeiten vorkam. Das Flörsheimer Gericht musste den Cartheusern die fehlenden Weinberge ersetzen.

Zahlen für die Weinerträge pro Morgen in der frühen Neuzeit zu erhalten, ist schwierig, da in der Regel bei Mengenangaben die zugrunde liegende Weingartenfläche nicht genannt ist. Ein Wert für den Rheingau wurde für die berühmte Lage “Steinberg” des Klosters Eberbach für das Jahr 1566 ermittelt: 25 hL/ha [Volk], was 0,7 Fuder/Morgen entspricht.

Für Flörsheim sind wir in der glücklichen Lage, zuverlässige Werte für das letzte Viertel des 16. Jhdts. und die erste Hälfte des 17. Jhdts. gewinnen zu können:

Für bestimmte Flörsheimer Weingärten erhob das zehntberechtigte Liebfrauenstift (St. Maria ad gradus) in Mainz einen Glockenzehnt in Form von Wein, von dem u. a. der Glöckner entlohnt wurde. Diese Weingärten waren genau spezifiziert und hatten zusammen eine Fläche von 8,5 Morgen. In HHStAW 105/370 ist dieser Zehnt für die Jahre 1570 bis 1598 aufgelistet (Tabelle rechts). Daraus lässt sich ein mittlerer Weinertrag von 0,8 Fuder/Morgen für diesen Zeitraum berechnen.

Die Flörsheimer Schröterordnung (HHStAW 61/20) beinhaltet eine Liste der Mengen Wein, die von den Flörsheimer Schrötern zwischen 1612 und 1646 für die Carthaus geschrotet  (aus den Kellern zum Mainschiff transportiert) worden sind (Tabelle rechts außen). Die Cartheuser besaßen 8 Morgen Weingärten; damit ergibt sich ein mittlerer Ertrag von 0,7 Fuder/Morgen über diesen Zeitraum. Man erkennt einen Rückgang des Ertrages für die Zeit nach 1629, dem Beginn der für Flörsheim schlimmsten Jahre des 30-jährigen Krieges (siehe hier), so dass der Weinertrag in Nichtkriegszeiten etwas höher als der angegebene Wert gewesen sein dürfte, was zu dem Ertrag von 1570 - 1598 passt.

Ein Ertrag von 0,8 Fuder/Morgen entspricht 30 hL/ha. Bei heutigen Spitzenweinen wird aus Qualitätsgründen der Ertrag auf 40-50 hL/ha begrenzt. Massenweine können mit 100 hL/ha erzeugt werden. Die Weinerträge vor 400 Jahren waren nur um einen Faktor 2-3 niedriger als heute. Zum Vergleich: Bei Getreide (Roggen) wird heute die 15-fache Menge geerntet.

Mit der Kenntnis dieses Ertrages, den bekannten Wingertflächen und der Kenntnis des Marktwertes eines Fuders Wein lässt sich das Einkommen der Flörsheimer Höfe aus Weinbau in der Mitte des 17. Jhdts. berechnen, siehe Einkommensstruktur der Bevölkerung.

In den Inventarlisten werden an Gerätschaften zum Weinbau, Weinherstellung und Weintransport aufgeführt: Karste, Weinlegel (flache Holz- oder Korbbehälter, die bei der Weinlese auf dem Rücken getragen wurden), Stückfässer, Halbstückfässer, Fuderfässer, ohmige, halbohmige und viertelohmige Fässer, Zulastbütten, Bütten und Zuber verschiedener Größe, Weintrichter, Weinhähne (weinkrane) und natürlich Weinkeltern mit Zubehör.

Stückfässer wurden vorwiegend zur Gärung und zum Ausbau des Weines benutzt, Fuderfässer vorwiegend zum Transport. Ein volles Fuderfass mit 900 L Inhalt wog etwas über eine Tonne! Die Fässer wurden von Flörsheimer Fassbindern (bender) hergestellt. In der zweiten Hälfte des 17. Jhdts. gab es in Flörsheim mehr Fassbinder  als Bäcker. 

In 85 % aller Hofreiten stand eine Weinkelter, entweder im Keller oder in einem eigenen Kelterhaus, ein an das Haus angebautes oder auch freistehendes kleines Gebäude. Obwohl nicht beschrieben, dürfte es sich aus Platzgründen um Spindelkeltern (Abb. rechts) gehandelt haben – Baumkeltern beanspruchen ein Vielfaches des Platzes einer Spindelkelter.

Zu Alkoholgehalt der damaligen Weine siehe Essen und Trinken.

Unterhalb der Annakapelle, unten die Wiesenmühle

Flörsheimer St. Anna - Kapelle, Doppelstückfass

Herrnberg                                 alle Aufnahmen 2011-2013

Östlich der Warte am Landwehrweg

Zweizinkiger Karst,
Fotograf unbekannt

Moderne Fässer der Holzküferei Hösch, Hackenheim, Doppelstück, Stück, Fuder

Spindelkelter in Dirmstein, diese Presskelter hat eine feste Schraube mit einer beweglichen Mutter.
Aufnahme Andreas Ständer 2006

DSC_5987_2
Wingertgröße1

Jahr

Weinzehnt (Ohm)

 

 

 

 

1570

5

 

1571

6

 

1572

4

 

1573

3

sauer

1574

4

 

1575

6

 

1576

0

vacat

1577

4

sauer

1578

5

 

1579

2

sauer, 1 Maß 1 alb

1580

6

 

1581

6

 

1582

6

 

1583

7

Viell und gutt

1584

6

 

1585

3

 

1586

5

 

1587

4

 

1588

7

 

1589

2,5

 

1590

6

 

1591

5

 

1592

6

 

1593

2

sauer

1594

3

Zum theill erfroren

1595

4

 

1596

1

 

1597

2

 

1598

3

 

Weinertrag der Cartheuser von 8 Morgen Weingärten

”Glockenzehnt” des Liebfrauenstifts aus 8,5 Morgen Weingärten

Jahr

Weinertrag

 

 

1612 - 1620

zwischen 6 und 13 Fuder (im Mittel 51 Ohm)

1615

sind die Trauben nach Mainz geführt worden

1626

43 Ohm

1629

56 Ohm

1636

29 Ohm

1639

18 Ohm (das Meiste erfroren)

1646

4 Fuder (24 Ohm)

Landwirtschaft - Weinbau