Für 1656 sind für jeden Flörsheimer Hof die eigenen und gepachteten Ackerflächen und die Weingartenflächen bekannt, außerdem die Getreideerträge in Malter/ha und die Weinerträge in Fuder/Morgen, siehe hier und hier. In der Mitte des 17. Jhdts. betrug in der hiesigen Gegend  der Marktwert eines Malters Korn (Roggen) 2 fl, der Marktwerte eine Fuders Wein etwa 30 fl. Damit lässt sich das Einkommen der Höfe aus Ackerbau und Weinbau berechnen (obere Diagramme rechts).

Man erkennt, dass die Weinerzeugung wesentlich lukrativer als Getreideanbau war, um so mehr, als 2/3 der Höfe aus eigenem Anbau den Eigenbedarf an Getreide nicht decken konnten geschweige denn, hätten Getreide verkaufen können. Insofern ist das im ersten Diagramm dargestellte Einkommen für 2/3 der Höfe ein fiktives Einkommen. Der Eigenbedarf einer mittleren Hausgemeinschaft betrug 11 Malter entsprechend 22 fl. Nur 1/3 der Höfe konnten reales Einkommen durch Getreideanbau und -verkauf erzielen.

Ganz anders bei der Weinerzeugung: Nach Abzug des Eigenbedarfes von 0,7 Fuder entsprechend 21 fl konnten fast alle Höfe Wein verkaufen und reales Einkommen generieren. Weinerzeugung war für die Flörsheimer Bevölkerung die mit Abstand wichtigste Einnahmequelle. Die höchsten Einkommen aus Weinanbau hatten 1656 Georg Lindheimer (593 fl), Vian Thuan (231 fl) und die Witwe von Hans Peter Wolpert (226 fl).

Die Getreide- und Weinpreise waren natürlich Schwankungen unterworfen; kurzfristig aufgrund vorwiegend witterungsbedingter Änderungen der Erträge, längerfristig aufgrund sich ändernder wirtschaftlicher oder politischer Rahmenbedingungen (Zölle, Abgaben, Kriege). Für 2/3 der Hausgemeinschaften, die Getreide zukaufen mussten, schlug jede Änderung der Getreidepreise auf die Lebenshaltungskosten durch. Bei den Weinerzeugern, und das waren fast alle, nivellierte sich das Einkommen bei sich ändernden Erträgen: sanken die Erträge, stiegen die Preise und umgekehrt. 

Um zur Verteilung des Gesamteinkommen der Bevölkerung kommen zu können, muss man das Jahreseinkommen der Handwerker abschätzen. Beim Bau des neuen Pfarrhauses 1685, der für die beteiligten Handwerker eine Tätigkeit von etwa einem Jahr bedeutete, erhielten als Lohn: der Maurer (Jacob Cluin) 58 fl, der Zimmermann 30 fl, der Schreiner (Jacob Ackermann) für die gesamte Inneneinrichtung, Fenster und Türen 29 fl, der Steinbrecher 24 fl (HHStAW 63/14). Das durchschnittliche Jahreseinkommen aus reiner Handwerkstätigkeit dürfte bei 30-40 fl gelegen haben.  Vergleiche mit den Preisen handwerklich hergestellter Gegenstände bestätigen das: Ein paar Schuhe kostete 1 fl, ein Tisch für das Rathaus 1 fl, eine Turmuhr 7 fl, der Guss einer Glocke 30 fl. Dabei gab es sicher deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Handwerksarten. Damit der Schuster Johannes Rungel auf ein Jahreseinkommen von 40 fl hätte kommen können, musste er, je nach Kosten des Leders, mehr als 40 paar Schuhe pro Jahr verkaufen. In einem Dorf mit 100 Hausgemeinschaften dürfte das schwer gewesen sein.
Bei der Berechnung des Gesamtbruttoeinkommens aus Ackerbau, Weinbau und Handwerk wurde für die Handwerker von einem Jahreseinkommen von 35 fl ausgegangen. Das dritte Histogramm rechts zeigt die Verteilung des Bruttoeinkommens.

Interessant ist ein Blick auf die entlohnung der Flörsheimer Amtsträger (1633-1640). Gezahlt wurden: für das Gericht (Unterschultheiß und 6 Schöffen)  9 fl, für die 2 Bürgermeister  3 fl, dem Büttel  2 fl, den 3 Pförtnern (Oberpforte, Unterpforte, Große Mainpforte)  7 fl, dem Gerichtschreiber  5 fl, den 3 Weingartsschützen  8 fl. Zusätzlich erhielten die Gerichtspersonen für jede Amtshandlung Gebühren, z. B. für das Aufnehmen von Inventaren und Testamenten, und der Gerichtschreiber für das Anfertigen von Bittschriften, das Schreiben der Bürgermeisterrechnungen etc.. Für alle Amtsträger war das ein willkommenes Zusatzeinkommen; sie hatten alle, teilweise erheblichen Grundbesitz.

Wesentlich aussagekräftiger als das Bruttoeinkommen ist das effektive Nettoeinkommen. Es ist das Einkommen, das nach Abzug der vielfältigen Steuern und Abgaben und nach Abzug des Grundbedarfs einer Hausgemeinschaft an Getreide übrig blieb.
Es gab im 17. Jhdt. in Flörsheim eine reguläre Abgabe, die unabhängig vom Einkommen war: Eine “Grundsteuer” an das  Domkapitel in Form eines Huhns und einer Gans für jede Hofreite im Wert von etwa 1 fl; wer zwei Hofreiten besaß, musste zwei Hühner und zwei Gänse abliefern. Diese Abgabe war ursprünglich die “Leibbede”, die Abgabe von Eigenleuten an den Leibherren, war aber im 17. Jhdt.  nicht mehr an die Person, sondern an die Hofreite gebunden, siehe hier. Die meisten anderen Steuern wurden nach der prinzipiellen Zahlungsfähigkeit des Hofbesitzers, nach seinem “Vermögen” (was er zu zahlen vermochte) zugemessen. Das Steuerregister wurde jedes Jahr vom Gemeinderat (Schöffen, Gemeindevorgänger, Viertelmeister) aufgestellt. Es kam allerdings auch vor, dass Sondersteuern für jeden Hof gleich angesetzt wurden.

Vielfältige Steuern wurden vom Flörsheimer Gericht situationsbedingt erhoben. Wenn etwa die Ortsbefestigung repariert werden musste, oder die Begleichung teilweiser jahrzehntealter Schulden der Gemeinde fällig war, wurden die Kosten auf alle Höfe umgelegt, ebenso bei der Anschaffung neuer Glocken oder der Ausstattung des Rathauses mit neuen Möbeln.
Der große Zehnt (10 %), der vom Liebfrauenstift auf den Getreideertrag erhoben wurde, oder der Glockenzehnt, der vom Weinertrag fällig war, dürfen nicht vergessen werden. Bei Großprojekten wie etwa beim Bau des neuen Kirchenschiffes 1664-1666 wurden Spenden erwartet; hier kamen auch von nicht sehr reichen Höfen Beträge im zweistelligen Guldenbereich zusammen.

Unsere heutige Umsatzsteuer gab es ebenfalls, allerdings nicht für den Kauf von Produkten, sondern für deren Produktion und Verkauf. So gab es eine Wein-, Bier- und Fleischakzise. Die Schanksteuer, die die Heckewirte zu zahlen hatten (1656 gab es noch keine Schildwirtschaft) betrug 10 alb pro verzapftem Ohm Wein und 5 alb pro verzapftem Ohm Bier.

Die größte Abgabenlast bestand in den Pachtzahlungen für die gepachteten Äcker; bei schlechter Getreideernte konnte sie 50 % des Ertrags übersteigen, siehe hier. Die Pacht ist aber bereits bei der Berechnung des Einkommens aus Getreideanbau berücksichtigt.

Ein vernünftiger Schätzwert für alles, was sonst vom Bruttoeinkommen abging, dürfte bei 30 % liegen. Bei der Berechnung des effektiven Einkommens einer Hausgemeinschaft wurden 20 fl als Wert der Getreidegrundversorgung abgezogen; ohne diese konnte eine Hausgemeinschaft nicht überleben. Der Eigenbedarf an Wein wurde nicht gegengerechnet: auf Wein konnte man notfalls verzichten, auf Brot und Brei nicht. Das untere Histogramm rechts zeigt das effektive Nettoeinkommen

Etwa ein Drittel der Hausgemeinschaften hatten ein effektives Einkommen von weniger als 20 fl/Jahr, 18 Hausgemeinschaften hatten überhaupt kein effektives Einkommen. Diese lebten am Existenzminimum und konnten nur überleben, wenn der Hausvorstand sich als Tagelöhner und die Kinder sich als Knechte und Mägde auf wohlhabenderen Höfen verdingten, was üblich war. In schlechten Zeiten, kämpfte dieses Drittel der Flörsheimer Bevölkerung ums Überleben.
Mit einem effektiven Einkommen zwischen 40 fl/Jahr und 100 fl/Jahr zeichnet sich eine breite Mittelschicht ab, etwa 50 % der Höfe; der Schwerpunkt des Einkommens dieser Gruppe lag bei 65 fl/Jahr. Damit konnte man schon Rückstellungen bilden und für längerfristige Ziele Geld ansparen. Diese Gruppe hatte in normalen Zeiten ein weitgehend sorgenfreies Leben, wobei es natürlich einen Unterschied machte, ob man einkommensmäßig am unteren oder oberen Rand der Gruppe angesiedelt war. 
15 % der Höfe erwirtschafteten ein effektives Einkommen von mehr als 100 fl/Jahr. Hier kann man von Wohlstand bzw. Reichtum sprechen. Die höchsten Einkommen 1656 hatten: Georg Lindheimer (710 fl), Vian Thuan (360 fl), J. P. Wolpert´s Witwe (340 fl), Hans Eckert (340 fl), Joachim Faulborn (200 fl), Johannes Duchmann (190 fl), Balthasar Hochheimer (180 fl), Hans Kehrn (160 fl). Zu Georg Lindheimer sei bemerkt, dass das genannte Einkommen nur durch Weinbau und Ackerbau in Flörsheim erzielt wurde; ein weitaus größeres Einkommen erwirtschaftete er wie auch seine Söhne Johannes und Thomas durch Viehhandel, siehe auch hier.

Die Tabelle rechts zeigt die Preise für einige Konsum- und Investitionsgüter in der Mitte des 17. Jhdts. in Flörsheim. Nimmt man 1 Maß Butter (knapp 2 L) als Maßstab mit einem heutigen Preis von etwa 15 €, entspräche 1 fl heute etwa 30 €. Ein Ei würde 1 € kosten. Vielleicht wäre das ein vernünftiger Preis bei artgerechter Tierhaltung. In der Relation zu Wein hat sich nicht viel geändert: Auch heute kann man für 15 € 4 L einfachen Wein kaufen.

Ganz anders sieht es in der Relation zu handwerklich hergestellten Produkten oder gar Immobilien aus. Ein paar Schuhe oder ein großer Tisch würden bei der damaligen Preisrelation zu Butter 30 € kosten. Handwerkliche Produkte waren im Vergleich zu Nahrungsmittel sehr billig, was zu relativ niedrigen Handwerkereinkommen führte, siehe oben. Eine mittelgroße Hofreite (300 fl) würde heute 9000 € kosten auf der Basis des Buttermaßstabes. Nimmt man als Maßstab den Wert von ein paar Schuhen, heute etwa 100 €, würde eine mittelgroße Hofreite 30.000 € kosten. Aber selbst dafür ließe sich heute in der Nähe einer größeren Stadt nicht einmal ein Baugrundstück erwerben.

Im 17. Jhdt. waren Nahrungsmittel verglichen mit Handwerksprodukten und Immobilien sehr teuer, heute ist es umgekehrt.

    

 

alb

 

 

fl

1 Ei

1

 

1 Rathaustisch

1

1 Salzhering

2

 

1 Paar Schuhe, 1 Hut

1

1 Maß Bier

4

 

1 Schweineschinken

2

1 Brot

5

 

1 Spieß (Nachtwächter)

2

1 pf Speck

6

 

1 Malter Korn

2

1 Maß Wein

8

 

1 Schwein

5

1 Maß Essig

8

 

Kirchenuhr

7

1 Strohfackel

10

 

Zuchteber

9

1 Maß Butter

15

 

1 Kuh

12

1 pf Schießpulver

16

 

1 Pferd

40

1 Gans

20

 

Mittlere Hofreite

300

1 Wildente

25

 

Mühle

1000

Preise für verschiedene Konsum- und Investitionsgüter in Flörsheim in der Mitte des 17. Jhdts.

2 alb

4 alb

5 alb

1 fl

300  fl

Schwein2

5 fl

Einkommensstruktur der Bevölkerug