Oppenheim hatte im 17. und 18. Jhdt. eine reformiert/lutherische/katholische Bevölkerung. Die Kirchenbücher aller Konfessionen wurden von [Zschunke 1984] für den Zeitraum von 1580 bis 1800 systematisch ausgewertet. Aufgrund der üblichen Problemen bei Kirchenbucheintragungen (insbesondere Nicht- oder Unterregistrierung toter Kinder zu bestimmten Zeiten), sind zwar die Geburtenzahlen, die Totenzahlen aber nur zeitweise bekannt. Die Bevölkerungsentwicklung Oppenheims ist weitaus komplexer als in Flörsheim. Neben anderen Katastrophen wurde Oppenheim zweimal zerstört: 1631 weitgehend und 1689 vollständig, Schicksale, die Flörsheim erspart blieben.

Als Test, ob das entwickelte Bevölkerungsmodell und die darauf basierende Computersimulation die komplexere Situation in Oppenheim beschreiben kann, wurde die Bevölkerungsentwicklung Oppenheims für die Zeit von 1600 bis 1740 simuliert.

Rechts oben die aus [Zschunke 1984]  extrahierten Ausgangsdaten für Geburten und Tote, wobei der Verlauf der Geburten/Jahr bereits gemittelt ist.
In  [Zschunke 1984] werden die Totenzahlen vor 1650 nicht statistisch ausgewertet, da „--- die frühen Kirchenbücher hinsichtlich der Registrierung verstorbener Kinder sehr lückenhaft geführt wurden ---“. Dies scheint allerdings auch nach 1650 noch der Fall gewesen zu sein, denn die Totenzahlen sind bis mindestens 1710 unplausibel: Zwischen 1650 und 1665 steigt die Geburtenzahl (und damit die Einwohnerzahl) stark an, während die Zahl der Toten abnimmt. Ähnlich unstimmig ist der Verlauf zwischen 1670 und 1680 und zwischen 1695 und 1705. Wegen dieser Unsicherheiten im Verlauf der Totenzahlen wurden im gesamten Zeitraum außer in Katastrophenjahren die mittleren altersgruppenspezifischen Sterberaten zur Ermittlung der Totenzahlen benutzt.
Dazu müssen die relativen Anteile von toten Kindern, Erwachsenen und Alten TK, TEW und TA an den Gesamttoten T bekannt sein. Zur Nomenklatur siehe Computersimulation. Aus [Zschunke 1984] kann man sie zu 50 %, 19 % und 31 % ermitteln. Hier dürfte der Anteil von TK wegen der Unterregistrierung verstorbener Kinder deutlich unterschätzt sein In [Zschunke 1984] wird zudem bemerkt, dass protestantische Familien (mit weniger Kindern als im Durchschnitt) zu stark gewichtet sind.
In Ermangelung eines Besseren wurde deshalb der für Flörsheim ermittelte Wert TK/T = 0,6 benutzt unter Beibehaltung des Verhältnisses TEW zu TA von Oppenheim. Die relativen Anteile sind dann 60 %, 15 % und 25 %.
Für die Zeit um 1600 sind keine toten Kinder aufgeführt. Korrigiert man die angegebenen Totenzahlen entsprechend (siehe hier), erhält man T = 55/J und damit für die mittlere Kindersterberate SRK0 = 0,060/Jahr. Entsprechend lassen sich mit den obigen Werten für K, EW und A die Faktoren SRVEW = 0,35 und SRVA = 0,85 bestimmen. Die mittleren Sterberaten für EW und A sind deshalb: SREW0 = 0,021/Jahr und SRA0 = 0,051/Jahr.
Für die echte Fertilität ist angegeben: 6,8 für protestantisch/lutherische und 8,3 für katholische Familien. Bildet man das nach Familienzahlen gewichtete Mittel, erhält man F = 7,2. Als Wanderungsfaktoren wurden W1 = 0,7 und W2 = 1,5 gesetzt, was der Annahme entspricht, dass sich die Verhältnisse K zu EW und A zu EW und damit die Altersverteilung über den betrachteten Zeitraum nicht wesentlich geändert haben (siehe weiter unten). Als mittleres Heiratsalter der Frauen wurde der Wert von 23,5 Jahren von [Zschunke 1984] übernommen.
Die Zahl der Geburten um 1600 beträgt 62/Jahr. Daraus folgt nach Berechnung der Altersverteilung: K = 548, EW = 396 und A = 268 mit einer Gesamteinwohnerzahl 1212 als Ausgangswerte für die Simulation, siehe hier.

Im zweiten Diagramm rechts das Ergebnis der Simulation. In [Zschunke 1984] sind Einwohnerzahlen angegeben: 1740: 1464, 1698: 584, nach der Zerstörung 1689: 238 (sehr unsicherer Wert). Die für 1682 angegebene Zahl von 880 Einwohnern ist unrealistisch. Die Zahl passt nicht zur Geburtenzahl; sie würde 66 Geburten pro 1000 Einwohner implizieren, ein nicht realistischer Wert. Bei der angegeben Zahl der Haushalte von 239 bedeutete das, dass eine Hausgemeinschaft aus nur 3,7 Personen bestanden hätte, sehr unwahrscheinlich. [Zschunke 1984] bemerkt, dass bei der Schätzung (Erhebung), die dieser Zahl von 880 zugrundeliegt, nicht alle Familien erfasst wurden, und er geht selbst an anderer Stelle von 4,5 Personen pro Haushalt aus. Für 1726 wird in [Zschunke 1984] ausgehend von 250 Haushalten und 4,5 Bewohnern pro Haushalt die Einwohnerzahl zu 1100 geschätzt. Das Simulationsergebnis legt 5,0 Bewohner pro Haushalt nahe (in Flörsheim 5,5). Nimmt man den gleichen Wert für die 239 Haushalte von 1682, erhält man 1195 Einwohner in Übereinstimmung mit dem Simulationsergebnis.
Der simulierte Verlauf gibt trotz der extremen Wanderungsbewegungen und einiger unsicherer Annahmen diese
Einwohnerzahlen (rote Punkte in der Abb. rechts) zufriedenstellend wieder, was auch die Wahl von W1 und W2 bestätigt.

Wenn die Altersverteilung (Dreieck) sich über den betrachteten Zeitraum nicht ändert, bedeutet dies, dass die Geburtenzahl/Jahr die Einwohnerzahl eindeutig festlegt und umgekehrt. Aus den obigen Daten folgt ein Wert von 50 Geburten/Jahr pro 1000 Einwohner. Berechnet man mit diesem Wert für verschiedene Jahre ausgehend von den jeweiligen Geburtenzahlen/Jahr die Einwohnerzahlen, erhält man die durch die blauen Punkte in dem Diagramm rechts markierten Einwohnerzahlen, die bei korrekter Simulation auf der simulierten Kurve der Einwohnerzahlen liegen sollten; das ist offensichtlich der Fall. Für Flörsheim würde das nicht funktionieren, da sich dort die Altersverteilung während Wanderungsbewegungen verändert hat.

Das dritte Diagramm rechts zeigt für Oppenheim den Verlauf der Nettowanderungen/Jahr zusammen mit der Zahl der Geburten pro Jahr.
Das erste einschneidende Kriegsereignis im 30-jährigen Krieg war die Besetzung des „reformatorischen“ Oppenheim durch spanische Truppen und Truppen der katholischen Liga im September 1620. Lutheraner, Calvinisten und Hugenotten mussten die Stadt verlassen. Eine Brandkatastrophe 1621, ausgelöst durch plündernden Spanier, tat ihr übriges: Fast 40 % der Einwohner verließen die Stadt.
Durch Rück- und Zuwanderung ab etwa 1625 erreichte die Stadt um 1630 etwa wieder die alte Bevölkerungszahl. Der Zustand war nicht von langer Dauer, denn nach dem Rheinübergang von Gustav Adolph von Schweden wurde Oppenheim im Dezember 1631 von schwedischen - protestantischen Truppen nach schweren Kämpfen eingenommen und besetzt. Die weitere Zeit des 30-jährigen Krieges war geprägt durch häufig wechselnde Besatzungen und Hungersnöte. Zwischen 1631 und 1648 verließen über 70 % der Oppenheimer ihre Stadt, um in der überwiegenden Mehrzahl nicht zurückzukehren. 1650 erreichte die Einwohnerzahl mit nur noch etwa 400 Personen den vorläufigen Tiefststand.
Nach einer Zuwanderungswelle nach Kriegsende entwickelte sich die Bevölkerung normal ohne größere Nettowanderungen bis etwa 1685, nur kurz unterbrochen durch die Auswirkungen der Pestepidemie 1666, und erreichte fast den Vorkriegsstand der Einwohnerzahl.
Im Laufe des Pfälzischen Erbfolgekrieges besetzten die Franzosen im Oktober 1688 Oppenheim. Auf Befehl des französischen Ministers Louvois wurden unter General Ezchiel de Melac im Mai 1689 Oppenheim, Speyer und Worms in Brand gesteckt. In Oppenheim wurden die Katharinenkirche, die Burg, die Stadtmauer und fast alle Häuser niedergerissen. Die Einwohner durften vorher die Stadt verlassen, die meisten wanderten für immer ab. Dies markiert die größte Katastrophe für Oppenheim nach dem 30-jährigen Krieg.
Nach einer weiteren Zuwanderungswelle, die aber zunächst den Bevölkerungsverlust nicht ausgleicht (1700: 800 Einwohner), entwickelt sich die Bevölkerung normal ohne Kriege und erreicht 1722 die Einwohnerzahl von 1500. Die hohen Todeszahlen ab 1726, die Abwanderung und der damit korrespondierende Bevölkerungsrückgang sind vorwiegend auf Hungersnöte zurückzuführen
[Zschunke 1984].

Für die großen Abwanderungswellen, 1620 durch Vertreibung ganzer Religionsgemeinschaften, ab 1631 und ab 1689 durch Weggang aus einer zerstörten Stadt, die meisten Einwohner ohne Rückkehrabsichten, kann man annehmen, dass ganze Familienverbände abgewandert sind, Erwachsene, Kinder und Alte, so dass sich die Bevölkerungsstruktur in den Abwanderungsphasen nicht wesentlich geändert haben dürfte. Das Gleiche kann man für die Zuwanderungsphasen annehmen, da auch hier wohl ganze Familien zugewandert sind – für Junggesellen war eine zerstörte, weitgehend entvölkerte Stadt wenig attraktiv.

Die Simulation gibt die Entwicklung der Einwohnerzahlen und die Wanderungen im historischen Kontext richtig wieder. Auch hier zeigt sich, wie für Flörsheim, dass zeitlich eng begrenzte hohe Todeszahlen, wie z. B. die Pest 1666 mit 150 Toten, die Bevölkerungsentwicklung kaum beeinflussen. Wesentlich sind Zu- und Abwanderungen.

Zur Geschichte von Oppenheim siehe z. B. hier.

Entwicklung der Einwohner-, Geburten- und Totenzahlen Oppenheims zwischen 1600 und 1740. Die roten Punkte stellen Einwohnerzahlen auf der Basis der Angaben von [Zschunke 1984]  dar; blaue Punkte symbolisieren konstruierte Einwohnerzahlen (siehe Text).

Geburten/Jahr und Tote/Jahr in Oppenheim zwischen 1600 und 1740. Die grüne Kurve stellt die gemittelten Geburtenzahlen dar.

Wanderungen/Jahr und Geburten/Jahr in Oppenheim zwischen 1600 und 1740

Oppenheim    Aufnahme 2007

Oppenheimer Rathaus von 1621     Aufnahme 2007

Katharinenkirche von der Burg Landskrone aus     Aufnahme 1974

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Die Bevölkerungsentwicklung von Oppenheim/Rhein 1600 - 1740