Die Flörsheimer Bürgermeisterrechnungen (BMR) der Jahre 1633 bis 1640 sind erhalten (HHStAW 105/1775-105/1782). Sie sind die wichtigste Originalquelle zur Rekonstruktion der Geschehnisse in Flörsheim im 30-jährigen Krieg. Da besonders in den schweren Kriegsjahren 1635, 1636 und 1640 ein Großteil der Ausgaben kriegsbedingt waren (Kontributionen, Einquartierungen, Reparatur der Pforten, Ausgaben für Pulver und Lunten etc.), kann man aus diesen Angaben Rückschlüsse ziehen, was in Flörsheim in dieser Zeit passiert ist.. Rechts die Titelseite der BMR 1637 und zwei Beispielseiten.

Im folgenden ein kleiner Auszug der Bürgermeisterrechnung von 1636:

– Dreyen Soldaten welche alhir pleiben sollen, Salvaguarden (Schutztruppen) seins, Als die Statt Maintz Occupiert worden, 2 brod geben 12 alb
– Ein brod einem Soldaten so Von Maintz Kommen geben. Costet 7 alb
– Vor 1 brod des Obersten Leutenants wildschitzen geben 4 alb
– Vor borth, nägel Und Rathschienen damit die niederpfort ausZuebessere. Zahlt 15 alb
– Als
Fenderich Koch ahnhero Kommen für 1 mass wein Zahlt 12 alb
– Als Hauptman Schültel über nacht alhir quartiret ist wein Und 1 pf Käs Ufgange 2 fl 25 alb
– Einem Soldaten Von Hauptman Benda, so den Schulthesen Und bürgermeister Zum Ambt citirt für ein mass wein 12 alb
Einem Hauptman so ins Scherers Haus beym friderich logirt, geben 1 Simmeren Kleyen 8 alb
Fünf Soldaten so Von Maintz gege Aschaffenburg geschikt worden geben 1 brod 12 alb
– Vincentz Schirstein Und fischer balthes: geben 2 mass wein, welche nacher Maintz geschikt worden Als das Regiment  Reuter Vorm flecken
   gehalten
, Umb bescheid Zu hohlen 24 alb
– Dreysig Vier masss wein seind Ufgangen, als der Ausschuss obg: Regiment weg getrieben 14 fl
– Secks brod einem forier welcher das Volck im wickerer walt
ligen geholt 2 fl
– Als Hauptman wolff seine Compag: im Schiff Unden ahm Main hat lassen ligen seind Ufgangen 1 fl 6 alb
Den Soldaten 5 mass wein ahn die Pforten Und Mauweren gebracht, damit sie sich wacker
wehren solten: 2 fl

Hier hat praktisch jeder Eintrag direkt oder indirekt mit dem Krieg zu tun. Allein diesen wenigen Einträgen kann man entnehmen, dass 1636 Mainz besetzt wurde (von kaiserlichen Truppen), die Niederpforte repariert werden musste, die Mauern und Pforten verteidigt wurden, einige Soldaten unter Fähnrich Koch und der Flörsheimer Ausschuss (von “schießen”) das „Regiment“ Reuter vertrieben haben und es in Flörsheim von Soldaten nur so gewimmelt hat. 1636 war offenbar für Flörsheim ein Kriegsjahr. Umgekehrt kann man durch bloße Inspektion der BMR-Einträge von z. B. 1638 erkennen, dass in diesem Jahr Flörsheim nur wenig vom Krieg betroffen war.

Durch Inspektion der BMR gewinnt man ein grobes Bild der Ereignisse von 1633 bis 1640. Zu wesentlich mehr Einsicht gelangt man durch eine systematische Auswertung der BMR nach bestimmten Einnahmen- und Ausgabenkategorien. Das erste Histogramm zeigt die erwartete Gemeindesteuer (Steuerschätzung) und die von den Bürgermeistern eingenommene Steuer (beth). 1633 entsprechen die Steuereinnahmen noch der Schätzung. Für 1634 gibt es zwar noch eine Steuerschätzung in etwa gleicher Höhe wie 1633, aber es können überhaupt keine Steuern mehr eingenommen werden. Für 1635 wird erst gar keine Steuerschätzung gemacht.

 Neben den Steuern hatte die Gemeinde eine ganze Reihe weiterer Einnahmequellen. Die wichtigsten waren: Ruchen (Strafgelder für Ordnungswidrigkeiten) inkl. Einzugsgelder, Zinsen, Schanksteuer, durch Verkauf von Gras und Heu vom gemeindeeigenen Ried, Einnahmen von der Kegelbahn und durch Verkauf von Äpfeln und Birnen von gemeindeeigenen Obstbäumen u. a.

Im zweiten Histogramm sind diese Einnahmen über die Jahre dargestellt. Im Vergleich zu „normalen“ Jahren wie 1637/38/39 sind die Einnahmen bereits 1633 deutlich niedriger. 1634 und 1635 brechen, wie die Steuer, diese Einnahmen völlig zusammen. Ruchengelder können nicht mehr eingetrieben werden und selbst das Heu vom Ried wird nicht verkauft, weil es die völcker (Kriegsvolk) weggenommen haben, was bedeutet, dass es für die Flörsheimer Pferde kein Futter im Winter mehr gab. Ab 1637 beginnt sich die Einnahmesituation zu normalisieren.

Die Ausgaben wurden nach folgenden Kategorien analysiert (ohne Geldkontributionen):

Verwaltung/Löhne: Entlohnung für Schultheiße, Gerichtspersonen, Gerichtsschreiber, Bürgermeister, Büttel und Pförtner; Spesen; Botengänge; Ausschreibungen; Kauf oder Verkauf von Gemeindegrund- stücken; nicht kriegsbedingte Reparaturen, u. a.

Kriegsbedingte Ausgaben: Einquartierungen; Verköstigung von Soldaten und Offizieren; Lieferung von Nahrungsmitteln und Wein nach Mainz und in die Gustavsburg; Kosten für Frondienste; Entlohnung der Salvaguarden (Schutztruppen); kriegsbedingte Botengänge; Kosten für Schießpulver und Lunten.

Prozessionen und Feiertage: (Diese Ausgaben sind getrennt aufgeführt, weil sie ein guter Indikator für das Befinden der Einwohnerschaft sind, wenn das Dorf geplündert wird, steht einem nicht der Sinn nach Prozessionen)  Ausgaben für Fahnenträger, Sänger und Reiter; Verköstigung von Pfarrern und Sängern der Nachbargemeinden an Feiertagen.

Reparatur der Pforten: (Diese Kosten sind ein Indikator für die vorausgegangenen Eindringversuche oder -erfolge)  Vom Ersatz aufgebrochener Schlösser bis zum Ersatz der schweren Torflügel.

Kommissar Hepp: Spesen und Erpressungen, die auf das Konto des in schwedischen Diensten stehenden Oberkommissars Hepp gehen (Flörsheim war von 1632 bis 1635 schwedisch besetzt).

Im Vergleich zu normalen Jahren wie 1637-1639 liegen die Verwaltungsausgaben 1633 bereits auf niedrigem Niveau, in erster Linie bedingt durch die immensen Kosten, die der Oberkommissar Hepp verursacht hat. 1634 sinken die Verwaltungsausgaben weiter, das Flörsheimer Gericht war nur noch bedingt handlungsfähig. 1635 gibt es praktisch keine Verwaltungsausgaben mehr. Löhne können nicht mehr bezahlt, notwendige Reparaturen nicht mehr durchgeführt werden. Die Gemeinde ist zahlungsunfähig und das Gemeinwesen zusammengebrochen.

Die kriegsbedingten Ausgaben zeigen erwartungsgemäß das komplementäre Bild. Sie steigen von 1633 bis 1634 an, um dann 1635 zu explodieren. Danach nehmen sie sukzessive ab, erreichen allerdings 1640 wieder höhere Werte als 1636. Man kann vermuten, dass der Krieg 1640 nach Flörsheim zurückgekehrt war.

Für Prozessionen und zur Finanzierung von Feiertagen wird schon 1633 und 1634 nur sehr wenig Geld ausgegeben – 1635 gibt es keine Prozessionen mehr. Wenn es im prozessionsverrückten Flörsheim des 17. Jhdts. keine Prozessionen mehr gibt, ist das ein sicheres Zeichen, dass etwas extrem im Argen lag. Ab 1636 finden wieder Prozessionen statt, und die Ausgaben hierfür steigen an und erreichen 1639 die beachtliche Summe von 34 fl. Kriegsbedingt sinken diese Aufwendungen 1640 wieder.

Substanzielle Reparaturkosten fallen bereits 1634 an, nach Beschädigung der Pforten durch Eindringversuche der nach Mainz zurückströmenden demoralisierten Truppenteile der schwedisch-protestantischen Armee nach der verlorenen Schlacht bei Nördlingen im September 1634. Die höchsten Reparaturkosten fallen 1636 an, nachdem Flörsheim 1635 geplündert wurde, was ein Aufbrechen der Pforten voraussetzt.

Während der schwedischen Besatzung 1632 und 1633 wurde der Oberkommissar Hepp, ein Frankfurter, als Verwalter von Flörsheim eingesetzt. Er verlangte vom Flörsheimer Gericht 600 fl für eine Reise nach Frankreich, die sich das Gericht vom Keller (Verwalter) von Hanau lieh, der allerdings 1636 noch vergeblich sein Geld zurückverlangte. Neben dieser Forderung verursachte er allein 1633 Kosten in Höhe von 90 fl, was den gesamten Einnahmen des Gerichts entsprach.

Bilanziert man die Einnahmen gegen die Ausgaben, ergibt sich erwartungsgemäß ein katastrophales Bild. Außer in den Jahren 1637 und 1640 übersteigen die Ausgaben bei weitem die Einnahmen. Das fehlende Geld musste geliehen werden, wobei man davon ausgehen kann, dass die meisten Gläubiger ihr Geld nicht wiedergesehen haben (Es bestanden noch mehrere Tausend Gulden Verpflichtungen aus den Hexenprozessen!)

Rechnung beeder Borgemeister Hans Lamperts undt Johanneß Bomeßerß aller Einnahm undt Außgaben Gelts wegen der Gemeindt zu Flerscheim  De Anno 1637

Auf der linken Seite das Ende der Einnahmenliste (EinnahmGelt), rechts der Beginn der Ausgabenliste (AusgabGelt). Der vierte Ausgabenposten beispielsweise lautet: 3 fl dem pförttner geben lohn der Oberpforthen durchs iahr Zu beschlissen

„Westfälischer Friede in Münster“   
Gerard Terborsch 1648, Rijksmuseum Amsterdam

Bürgermeisterrechnungen 1633-1640